Besserwisserei Teil II – Schlucken oder Spucken?

Weinbereitung ist ohne Frage eine Wissenschaft. Gilt das aber auch für das Weintrinken? In dieser Rubrik möchte ich ein paar Grundlagen vermitteln, aber alles mit einem Augenzwinkern. Die Geschichte hätte auch unter jeder anderen Überschrift stehen können – wäre aber nur halb so flach.

Wenig sorgt für mehr Hemmungen unter Weinanfängern, wie das Ausspucken eines Probeschlucks. Die Vorstellung, vor fremden Menschen in einen „Eimer“ zu spucken, ist für viele etwas befremdlich. Vielleicht kommt hier mal wieder meine schwäbische Herkunft ins Spiel, aber Wein auszuspucken war für mich lange nicht vorstellbar. Um ehrlich zu sein, ist es das bis heute nur begrenzt.

Sitze ich mit Freunden bei einem gemütlichen Glas Wein, käme es mir nicht in den Sinn etwas auszuspucken oder Reste wegzuleeren. Ich wüsste auch gar nicht wohin. Soweit ich weiß, besitzt keiner meiner Freunde einen adäquaten Spucknapf und in den Blumenkübel zu spucken empfinde ich doch als etwas zu unhöflich. Alternativ könnte ich natürlich jedem meiner (Wein)Freunde einen solchen Napf zum Geburtstag schenken – skurril und kaum von Eigennutz getrieben.

Besuche ich hingegen einen Winzer und trinke mich quer durch sein Sortiment, bleibt mir schlichtweg nichts anderes übrig. Will ich nicht die Nerven des Winzers und meiner reizenden Begleitung überstrapazieren, sollte ich hier vielleicht eher spucken. Alkohol wirkt betäubend auf unsere Sinne. Jeder, der sich im Suff mal das Knie angeschlagen hat, kann diese Einschätzung bestätigen. Außerdem ist da ja auch noch die primäre Wirkung von Alkohol: So richtig angenehm ist es nicht, sich solo in einem Verkostungsraum abzuschießen. Die wenigsten Menschen werden durch Alkoholkonsum angenehmer im Umgang und auch wenn ihr nicht direkt eine Schlägerei vom Zaun brecht, ein lallender „Weinexperte“ ist eher unfreiwillig komisch. Manche Winzer meinen es besonders gut und schenken großzügig ein. In der richtigen Gesellschaft kann das ja ganz witzig sein, der Blick auf die Bestellung ist dann aber eher ernüchternd. Denn am Ende des Liedes wirkt Alkohol auch immer enthemmend und wir kaufen weit mehr als geplant und wenig sinnvoll. Umso länger ich darüber nachdenke, umso mehr erkenne ich dahinter eine geschickte Verkaufstaktik der Winzer. Aber selbst wenn: Wir lassen es ja auch bereitwillig mit uns machen.

Letztlich bleibt es aber eine Geschmacksfrage und zwar im wahrsten Sinn des Wortes. Bei einer Weinverkostung im eigentlichen Sinne versuche ich zumindest einen Teil der Kostproben auszuspucken. Bei einer Weinrunde unter Freunden lässt sich problemlos vorab eine kleine Verkostungsrunde einschieben und allen ist gedient. Quasi erst Trinken mit Disziplin und dann ab ins freie Gefecht. So kann ich wirklich sicherstellen, den Wein auch tatsächlich wahrgenommen und nicht nur sinnesbetäubt gesoffen habe. Teilweise wird noch immer behauptet, das Schlucken von Wein sei beim Verkosten unwesentlich, da am Gaumen ohnehin keine Sinneszellen wären. Hier muss ich widersprechen. Wissenschaftlich ist die Aussage zudem Quatsch! Bereits eine kurze Internetrecherche zeigt, dass sich sehr wohl auch am Gaumen Sinneszellen befinden. Schätzungsweise 25% unserer Geschmacksrezeptoren befinden sich am Gaumen beziehungsweise sogar am oberen Rand der Speiseröhre. Zum anderen gehört das Schlucken für mich zu einem vollständigen Bild des Weines dazu. Hier kommt etwa der Schmelz eines Weines nochmal deutlicher zum Ausdruck und Gerbstoffe zeigen ihr wahres Gesicht.

Zur praktischen Umsetzung empfehle ich ein allmorgendliches Training. Vielleicht nicht zwingend mit Wein, aber beim Zähneputzen. Den Schaum einfach gezielt ausspucken und so für das nächste Tasting üben. Egal, wie ungewohnt die Situation am Anfang sein mag, peinlich wird es erst, wenn ihr euch dabei vollsabbert.

Wer sich beim Lesen dieser Zeilen auch beim Kichern erwischt hat; gratuliere, wir teilen den gleichen infantilen Humor. Zum Glück habe ich den folgenden Wein auf dem Sofa in reizender Gesellschaft genossen, hier hätte ich nämlich sicher nichts ausgespuckt:

Weingut Rudolf Fürst (Franken) – Spätburgunder Tradition – 2018

Rubinrot fließt der Tropfen ins Glas. Kaum geschwenkt, steigt schon ein satter Duft empor. Typische Noten eines Spätburgunders. Dunkle Früchte! Sauerkirsche und etwas Schwarze Johannisbeere spielen mit einer würzigen Komponente. Der erste Schluck schickt uns auf eine Reise ins Burgund. Präzise Fruchtaromen fahren Tandem mit grünen Noten. Streift mal mit euren Fingern an einer Tomatenpflanze entlang und ihr wisst, was ich meine. Über diese Stilistik kann man trefflich streiten, hier finde ich sie äußerst passend. Wie maßgeschneidert legen sich eine strahlende Säure und harmonische Tannine um den Wein. Sie geben dem Wein eine gute Struktur und tragen ihn über die Zunge. Mineralische Töne unterstreichen die Eleganz. Lohnender Einsteigerwein in typischer Manier des Weinguts.

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