Kenner trinken Württemberger…oder eben auch nicht!

Nach fast zwei Wochen selbstgewählter Isolation stand endlich Weihnachten vor der Tür. Auf dem Weg in meine schwäbische Heimat ging mir so manches durch den Kopf. Natürlich kam dabei auch das Thema Wein nicht zu kurz. Und wie es scheint, habe ich mit dem Wein auch zu meiner Heimat (zurück)gefunden.

Obwohl ich im schönen Remstal aufgewachsen bin, hat Wein nie eine wirklich große Rolle gespielt. Klar, am Fellbacher Herbst oder dem Waiblinger Stadtfest versorgten wir uns zielsicher mit der billigsten Genossenschaftsblörre und freuten uns über die einsetzende Wirkung. Auch gab es bei uns zu Hause zwar häufig regionalen Wein, wirklich viel konnte ich dem aber nicht abgewinnen. Gefühlt ging das Thema Wein an mir und meinen Freunden komplett vorbei.

Selbst als das Thema Wein für mich immer präsenter wurde, fehlte mir die Identifikation mit meiner Heimat. Beim Gedanken an Württemberger Wein kam mir unweigerlich der fade Trollinger mit Lemberger vom Haberschlachter Heuchelberg in den Sinn. Weshalb mir ausgerechnet dieser Lagenname in Erinnerung geblieben ist, wissen nur die Götter. Ich hätte einen Teufel getan und Gästen einen Lemberger aus meiner Heimat serviert.

Irgendwie scheint das aber etwas typisch Schwäbisches zu sein. Freunde von mir stammen etwa aus der Pfalz und keiner von Ihnen würde je auf die Idee kommen, irgendwas anderes zu servieren als Pfälzer Wein. Bei jeder Gelegenheit werden die Vorzüge ihrer Heimat gelobt; wäre der Wein nicht so lecker, könnte das wirklich nerven.

Also beschäftigte ich mich etwas mehr mit meiner Heimat. Schnell zeigte sich, dass es in der Ecke eine Menge an guten Winzern gibt. Zu meiner eigenen Schande muss ich eingestehen, dass ich mit manchem der Winzer sogar die Schulbank drückte oder auf den gleichen Stadtfesten war. Jetzt mussten natürlich Weine aus Württemberg her. Leichter gesagt als getan.

Mein erster Gang führte mich in den bereits beschriebenen Supermarkt. Pfalz, Mosel, Rheingau, Rheinhessen, Franken und sogar Baden. Kein Württemberger weit und breit. Bei einer geschätzten Auswahl von etwa 200 deutschen Weinen, kein einziger aus Württemberg! Dann ab zum Weinhändler um die Ecke. Auch hier: Fehlanzeige! Blaufränkisch aus Österreich, kein Problem. Lemberger aus Württemberg, keine Chance. Auf meine Nachfrage hin, bestätigte mir der Händler was ich schon befürchtet habe: „Württemberger bekomme ich nicht verkauft.“ Und obwohl er einräumte, dass dort ein paar der besten Winzer des Landes sitzen, führte er keinen einzigen Wein aus Württemberg. Vielleicht muss ich erwähnen, dass der Händler aus Baden kommt und daher nicht ganz unparteiisch, trotzdem traurig und frustrierend! So ging meine Reise weiter und tatsächlich klapperte ich vier weitere Händler ab, bis ich schließlich bei einem überregionalen Weinhändler einen Lemberger Ortswein ergattern konnte.

Geistige Bestandsaufnahme auf der Autobahn. Wo liegt das Problem? Hier kommt die schwäbische Mentalität ins Spiel. Mir scheint es oft so, als könnte der Schwabe nicht nur kein Hochdeutsch, sondern auch kein Marketing. Nehmen wir nur mal das Cannstatter Volksfest (im Volksmund: dr’Wasn). Mit 4 Millionen Besuchern ein gewaltiges Volksfest und damit eigentlich eine ernstzunehmende Konkurrenz zur berühmten Wiesn. Trotzdem ist das Volksfest außerhalb seines natürlichen Einzugsbereichs eher unbekannt, es gibt keine tägliche Liveberichterstattung und Sondersendungen. Im Gegenteil: Stuttgarter Jugendliche reisen extra nach München, um dort vor überfüllten Zelten Schlange zu stehen…in bajuwarischer Tracht.

Vielleicht ist es eine Nachwirkung des Pietismus, aber der Schwabe rühmt sich nur ungern mit seinen Errungenschaften. Noch immer herrscht das Motto vor: „Ned gschompfa isch gnuag globt!“. So geht der Schwabe in die Welt hinaus: wäre er von einem Produkt nicht überzeugt, würde er es nicht anbieten, das muss als Gütesigel reichen. Leider verkauft sich Wein so nur mittelprächtig.1 Die Kunden wollen eher umgarnt und mit blumigen Beschreibungen abgeholt werden. Die Vorstellung von großartigen Württemberger Weinen muss in den Kopf der Kunden.

Stattdessen denken die Kunden aber an den faden Trollinger mit Lemberger vom Haberschlachter Heuchelberg und den Spruch „Kenner trinken Württemberger“. Selbst mir fällt es schwer, diesem Slogan irgendwas Positives abzugewinnen, trotzdem geistert er noch immer umher und wirkt nicht weniger verstaubt und antiquiert. Dazu noch eine kleine Anekdote: Neulich fand ich in einer Zeitschrift eine ganzseitige Anzeige für eine der größten Württemberger Weingenossenschaften. Sie wirkte wie aus der Zeit gefallen und war etwa so ansprechend wie Fußpilz. Dabei fiel uns das Logo auf und wir rätselten, aus welcher Zeit es wohl stammt. Wir tippten auf die frühen Nullerjahre, sollten aber eines Besseren belehrt werden: Auf einer alten Weinflasche von 1979 (!) entdeckte ich wenig später das gleiche Logo.

Mein Problem der Unterversorgung mit heimischem Wein ist damit aber noch immer nicht gelöst. Vielleicht vergessen wir ja mal unseren nüchternen Grundsatz und loben uns selbst etwas mehr. An Qualität mangelt es ja nicht: Aldinger, Haidle, Ellwanger, Dautel, Kern, Lassak und wie sie alle heißen. Die junge Generation an Winzern ist sich des Problems zum Glück bewusst und geht schon in die Offensive. Bis dahin muss ich wohl häufiger in die Heimat fahren, um guten Wein aus Württemberg zu bekommen.

Am Heiligenmorgen schaffte ich es sogar noch zu einem Weingut um noch ein wenig dem Weihnachtsshopping zu frönen:

Weingut Karl Haidle – Grauer und Weißer Burgunder – 2019 (Württemberg)

Kein traditioneller Lemberger oder Trollinger und trotzdem wirklich spannend. Zu Beginn war der Wein noch etwas verschlossen, aber mit etwas Luft verzaubert er durch eine feine florale Nase. Fühlt sich bisschen so an, als würde man im Blumenladen stehen. Am Gaumen ein toller Schmelz, kombiniert mit Apfel und würzigen Noten. Durch die frische Säure kommt Bewegung in den Wein und er offenbart seine Vielschichtigkeit. Zum Glück hatte ich viel Platz im Kofferraum und muss so erstmal nicht auf meine Heimat im Glas verzichten.

1 Wen die Sicht eines Nichtschwaben interessiert: Blindflug-Podcast Folge 57

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