Kleiner Spielverderber…

Eigentlich wollte ich eine ganz andere Geschichte schreiben. Darüber, dass ich bis heute immer Glück mit Korken hatte, ich aber statistisch schon einige Flaschen mit Korkfehler getrunken haben müsste. Doch es kam anders.

Schon seit dem Altertum wird Kork als Verschlussform verwendet. Ein Naturprodukt mit guten Eigenschaften, aber eben auch einigen Nachteilen. Ich möchte hier gar nicht lange auf die Vor- oder Nachteile von Korken eingehen. Diese Diskussion ist schon viel zu häufig geführt worden und neue Argumente habe ich schon länger nicht mehr gehört.

Ich finde es viel bemerkenswerter, dass ich seit einigen Jahren regelmäßig Wein trinke und mir bis vor kurzem keine korkige Flasche bewusst untergekommen ist. Die Zahlen schwanken sehr stark. Früher sollen bis zu 15% Weinflaschen einen Korkfehler aufgewiesen haben.[1] Tatsächlich dürften die Zahlen zumindest heute deutlich niedriger liegen. Dies liegt wohl auch an der Verbreitung von Schraubverschlüssen. Dadurch wird insgesamt weniger Kork benötigt und die Qualität der verbleibenden Korkstopfen steigt an. Derzeit scheint wohl eine Quote von 1 bis 3 % realistisch.[2]

Jeder kennt die Szene: Ein Wein wird aufgezogen, der Kellner schenkt ein und der Gast bemängelt einen Korkfehler. Filmisch wird es gerne als Musterbeispiel für den snobistischen Weintrinker eingesetzt. „Wichtigtuer“ und „Angeber“ sind dann noch die nettesten Bezeichnungen für den Weintrinker, der einen Korkfehler reklamiert. Bei weniger weinaffinen Menschen klingt es manchmal so, als gäbe es den Korkton gar nicht und alles basiere auf der Einbildung einiger weniger Weinidioten. Habe ich auch mal so gedacht? Vielleicht!

Wissenschaftlich ist der Korkfehler noch immer nicht abschließend erforscht. Übeltäter dürfte aber der Stoff 2,4,6 Trichloranisol (kurz: TCA) sein. Bei der Produktion oder Lagerung von Naturkorken kann TCA entstehen. Die Gründe weshalb es entsteht, sind vielfältig. Teilweise ist bereits die Rinde kontaminiert, teilweise entsteht TCA als ein Abbauprodukt von Pentachlorphenol (kurz: PCP), einem Holzschutzmittel. Unsere Wahrnehmungsschwelle ist zudem recht unterschiedlich. Während erfahrene Weinkenner den Geruch bereits bei 2 ng/l (also Milliardstel Gramm pro Liter) erkennen können, liegt der Wert sonst etwa bei 5 ng/l. Grundsätzlich kann auch ein schraubverschlossener Wein davon betroffen sein und neben dem TCA gibt es auch noch TBA (keine Trockenbeerenauslese, sondern Tribromanisol). Soweit die Theorie.

Rein rechnerisch hätte längst eine Flasche mit Korkfehler meinen Weg kreuzen müssen. Bin ich eine statistische Ausnahme oder ein echtes Sonntagskind? Ich glaube kaum; zumal ich an einem Freitag geboren wurde! Ich hatte nur schlichtweg keine Ahnung.

Der Grund, weshalb ich bislang „Glück“ hatte, war meine Ahnungslosigkeit. Lange war ich ein durchschnittlicher Konsument. Ich trank Wein als Genuss, beschäftigte mich aber nicht weiter damit. Natürlich wusste ich inzwischen, dass es den Korkfehler tatsächlich gibt, ich hatte nur keinerlei Vorstellung darüber, wie er tatsächlich schmeckt. Wie viele Laien, dachte ich da sehr geradlinig: Es heißt der Wein korkt, er schmeckt also nach Kork. Logisch, oder? Die meisten Laien werden nie erfahren, dass sie hier Wirkung und Ursache verwechseln. Einen Wein, der wirklich pur nach Kork schmeckt, werden die wenigsten Menschen je ins Glas bekommen. Wie schmeckt überhaupt Kork? Ich für meinen Teil habe bisher noch in keinen rein gebissen.

Jetzt werden sich sicherlich einige Kenner an den Kopf greifen, dabei sollten wir uns eigentlich lieber an die Nase fassen. Ich finde die Erklärung eigentlich ganz schlüssig: der Weinkenner spricht vom korkigen Wein, also wird der schon nach Kork schmecken – Ende aus. Wirkliche Aufklärungsarbeit wird außerhalb von Weinseminaren hierbei nicht geleistet.

Tatsächlich zeichnet sich ein korkiger Wein aber eher durch einen muffigen Geschmack und Geruch aus. Für mich riecht und schmeckt es irgendwie nach nassem Hund; jedenfalls nicht angenehm. Der Wein wirkt, als wäre er aus der Balance geraten. Hätte ich den Wein nicht gekannt, weiß ich nicht, ob es mir sofort aufgefallen wäre oder ob ich den Wein einfach als „schmeckt mir nicht“ abgetan hätte. Und genau hier liegt doch der Hase im Pfeffer oder eben der Korken im Wein: Rückblickend habe ich den ein oder anderen Wein direkt abgeschrieben und ärgere mich jetzt umso mehr. Wie vielen Weinen habe ich Unrecht getan? Zumindest in meinem konkreten Fall war der Korkfehler nicht so intensiv, der Wein war grundsätzlich noch genießbar. Im Duft war er indifferent, muffig und irgendwie nicht greifbar. Im Geschmack wiederholte sich dieser Eindruck und der Wein war augenscheinlich außer Kontrolle geraten. Teilweise kommt noch der schleichende Korkfehler dazu und der Wein büßt auch noch seine Fruchtaromen ein. Diese Entwicklung kann aber dauern und bis dahin ist der Wein gegenüber dem Kellner schon abgenickt.

Zurück zu meinem ersten Mal: Anstatt mich aber über den Verlust aufzuregen, freute ich mich diebisch über diese Erfahrung. Irgendwie krank, ich habe beim Wegschütten des Weins (immerhin >15 Euro) regelrecht gegrinst. Natürlich nicht ohne zuvor eine Konterflasche aus dem Keller zu holen und meine Einschätzung zu überprüfen. Bin ich jetzt ein versierterer Weintrinker? Ist es eine Art Initiationsritus und ich kann endlich mitreden? Keine Ahnung. Irgendwie fühlt es sich danach an. Endlich weiß ich aus eigener Erfahrung, worauf ich achten muss. Für alle, denen es ähnlich geht: fragt einfach mal bei eurem Weinhändler nach, ob er zufällig eine korkige Flasche rumstehen hat oder ihr besorgt euch aus dem Internet reines TCA. Sollte euch das zu aufwendig sein, müsst ihr wohl einfach warten bis euch selbst ein Wein, der korkt unterkommt.

Beim nächsten Wein mit Korkfehler werde ich sicherlich nicht mehr jubeln. Vielleicht steige ich dann auch in die Diskussion mit ein und verfluche die kleinen Spielverderber. Nicht verfluchen werde ich jedenfalls die Konterflasche des Abends:

Weingut Rinke – Spätburgunder vom Schiefer (unfiltriert) – 2018 (Mosel)

Pinot von der Mosel ist immer noch eher eine Seltenheit. Klimawandel und leidenschaftliche Winzer sei Dank, lassen sich aber wirklich tolle Exemplare finden. Das Weingut Rinke existiert erst seit 2006, aber den Quereinsteigern Dr. Marion und Alexander Rinke gelingt Großartiges.

Eine kühle und doch einladende Fruchtnote begrüßt mich in der Nase. Sauerkirsche mit etwas Erdbeere. Nicht aufdringlich oder überextrahiert. Am Gaumen gesellt sich eine strahlende Säure dazu und verleiht dem Wein eine unglaubliche Trinkfreudigkeit. Frisch und animierend. Die Aromen kommen wahnsinnig präzise daher und alles ist richtig schön saftig. Im Abgang zeigen die feinen Tannine das volle Potenzial des Weines. In Summe ein junger, aber eleganter Spätburgunder, der Lust auf mehr macht. Mit der nächsten Bestellung landet definitiv auch der Chardonnay-Mischsatz mit im Warenkorb.


[1] The Complete Guide to Cork Taint | Wine-Searcher News & Features (wine-searcher.com)

[2] Jens Priewe, Grundkurs Wein

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