Der Supermarkt und ich…

Schon seit einigen Jahren wohne ich direkt neben einem wirklich gut sortierten Supermarkt. Die Weinabteilung ist einfach großartig. Dennoch wandelt sich mein Verhältnis dazu..eine Geschichte in drei Akten.

Erster Akt

Der erste Besuch (05/2018) in der Weinabteilung: Wow! Krass! Bordeaux, Italien, Spanien, Baden, Rheingau… Ich war völlig geplättet. Auf der Fläche meiner letzten WG eine so unglaubliche Auswahl. Ich war regelrecht erschlagen. So viele unterschiedliche Weine führten zu einer wahren Reizüberflutung. So richtig wusste ich nicht damit umzugehen, die Auswahl war viel zu groß und mein Wissen viel zu klein. Wahrscheinlich fühlte ich mich so als kleines Kind beim Betreten eines Süßigkeitenladens: Am liebsten hätte ich die ganze Abteilung in meinen Einkaufswagen gepackt.

Mein Faible für Wein war noch kein Hobby und mehr als ein paar Regionen kannte ich nicht. Dennoch war ich beeindruckt und es galt viel zu probieren. So turnte ich durch die Regale und mal diese mal jene Flasche landete auf dem Band.

Hab ich mir gemerkt was ich da alles getrunken habe? Habe ich irgendwelche Schlüsse daraus gezogen? Leider nicht wirklich; Reizüberflutung eben.

Zweiter Akt

Etwa letztes Jahr (05/2019): Inzwischen hatte ich etwas Wissen angesammelt. Eher zufällig war ich sogar in ein paar Weinbauregionen gefahren. Zunächst ging es ziemlich planlos nach Südfrankreich und ich war überrascht, welche Weinregionen auf meiner Route lagen. Der Rheingau liegt quasi vor der Türe und musste unbedingt „bewandert“ werden. Ein richtiges Konzept hatte ich natürlich nicht; woher denn auch.

Mein Eindruck änderte sich trotzdem. Oh, ein 2010er Lalande-de-Pomerol. Ah, Châteauneuf du Pape – da war ich schon. Riesling von der Mosel, toll! Um ganz ehrlich zu sein, wusste ich vor meiner Reise rein gar nichts über das Pomerol und dachte, Châteauneuf du Pape wäre ein einzelnes Weingut. Durch mein fragmentarisches Wissen erkannte ich jetzt einzelne Produzenten und konnte Regionen einordnen.

Wein wurde zum Hobby und ich lernte täglich dazu. Mein Keller füllte sich mit Wein, aber auch hier fehlte mir noch jedes Konzept. Ich richtete mich ein in meiner Comfortzone Supermarkt.

Dritter Akt

Heute (11/2020): Freitag nach der Arbeit, ein Freund hatte sich angekündigt. Mit Blick auf das geplante Essen war eine Entscheidung schnell getroffen – ein Chardonnay sollte es sein. Vor meinem inneren Auge bzw. auf meiner inneren Zunge war bereits ein konkreter Geschmack aufgeblüht. Irgendwas mit schönem Schmelz. Keine Zeit für Weinboutique, also ab in den Supermarkt.

Mmmh…Pfalz oder Baden wäre toll. Nicht Richtung Chablis, aber auch kein US-Kitsch…was elegant Schmelziges…Mmmmh auch nichts da…

Am Ende fand ich zwar einen tollen rheinhessischen Vertreter, aber es dauerte. Aus dem staunenden Kind im Süßigkeitenparadies ist ein Erwachsener mit konkreten Vorstellungen geworden. Schön, aber auch anstrengend.

Das (lose) Hobby war inzwischen zur Leidenschaft geworden. Ich versuche eifrig, neben das angelesene „Wissen“ auch Erfahrungen und Erlebnisse treten zu lassen. Noch immer ist jeder neue Wein eine dieser Erfahrungen. Ich werde jedesmal aufs Neue überrascht. Der schönste Moment ist für mich immer der direkt nach dem Einschenken: Ein erstes Mal das Glas schwenken, ein erstes Mal den Duft wahrnehmen und dann der erste Schluck. Endlich lösen sich die unzähligen Fragen auf: „Erfüllt der Wein meine Erwartungen? Was schmecke ich? Was erzählt mir der Wein? und und und…“ Mir wurde jetzt schon oft gesagt, ich mache dabei einen „merkwürdigen“ Gesichtsausdruck, als würde mir der Wein so gar nicht schmecken. Um ehrlich zu sein, bekomme ich in diesem Moment gar nicht so viel mit und wahrscheinlich ist das mein „resting wine face“ und ein gutes Zeichen. Totale Entspannung bei voller Konzentration. Bislang gibt es davon zwar noch keinen Schnappschuss, aber ich bin gespannt – schallendes Gelächter hab ich bereits jetzt sicher.

Ich hab keine Ahnung, wieviele Akte das Stück noch hat. Ich hab keine Ahnung, wohin die Reise geht. Ich lass mich überraschen. Vielleicht versinke ich auch in zwei Jahren vor Scham im Boden, wenn ich das hier lese.

Bei einer Sache bin ich mir aber sicher: Die Reise ist noch lange nicht zu Ende! Und: ich brauche einen neuen Weinhändler! Zum Glück fiel mir aber noch dieses schöne Exemplar in die Hand:

Weingut Bischel – Chardonnay Reservé – 2017 (Rheinhessen)

Können deutsche Winzer burgundische Weine machen? Ja, verdammt! Bereits die Nase macht eine wahnsinnige Laune. Mineralisch nach Kreide mit etwas grünem Apfel unterlegt. Je länger ich darüber nachdachte, vielleicht sogar etwas Honigmelone. Im Mund ist der Wein sofort präsent, nicht aufdringlich, eher druckvoll mit viel Grip. Leichte Salzanklänge runden das Bild ab und unterstützen die fruchtigen Noten. Der Schmelz wird begleitet von einem Hauch Brioch. Diese Fülle an Komponenten werden perfekt von der Säure balanciert und alles tänzelt nur so über die Zunge.

Der Wein kann sicher noch eine gute Zeit liegen bleiben, aber schon jetzt ein wirklich toller Stoff. Im Laufe des Abends kam es dann sogar noch über Instagram zu einem heiteren Gespräch mit dem Winzer. Zum Glück fiel unser angeheiterter Zustand online nicht so auf…also hoffentlich!

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