Zweite Wahl…

Keiner ist gerne die zweite Wahl. Erst recht nicht bei der Partnerwahl. In aller Regel verbindet man damit minderwertige und ausrangierte Ware. Beim Wein sieht es aber mal wieder etwas anders aus, da kann auch die zweite Wahl ein Blick wert sein. Vorsicht: Heute muss ich leider stellenweise etwas ausholen. Am Ende des Beitrags findet ihr deshalb einen kleinen Exkurs zum Thema Bordeauxweine.

Meine Leidenschaft für Wein ist eng mit dem Bordeaux verbunden. Durch einen guten Freund der Familie kam ich bereits früh mit diesen Weinen in Kontakt. Bei unterschiedlichsten Gelegenheiten brachte er mir diese Weine und sein Wissen darüber nahe. Ich war überrascht und begeistert und meine Passion nahm seinen Lauf. Obwohl ich längst auch andere Weine für mich entdeckt habe, bleibt das Bordeaux ein wichtiger Bezugspunkt für mich.

Die Weinwelt ist da eher geteilter Ansicht. Wollt ihr einen veritablen Streit zwischen Weinliebhabern anzetteln, stellt euch einfach in eine vinophile Runde und posaunt heraus: „Die wirklich großen Rotweine dieser Welt stammen aus dem Bordeaux!“. Danach würde ich euch eine Schale Popcorn und einen Lehnsessel empfehlen; der Streit könnte lustig werden. Obwohl in den letzten Jahren andere Regionen und Rebsorten im Fokus standen, gibt es noch immer hartgesottene Bordeaux-Anhänger.

Um ehrlich zu sein, habe auch ich meine Probleme mit dem Bordeaux. Genauer gesagt, habe ich 1 ½ Probleme damit. Zunächst einmal zu meinem vollwertigen Problem: Der Preis! Weine aus dem Bordeaux haben in den letzten Jahren einen ziemlichen Boom erlebt. Die Preise schossen zeitweise durch die Decke und nicht selten dienen Spitzencrus als Spekulationsobjekte. Ein berechtigter Einwurf wäre hier sicherlich, dass nicht nur die klassifizierten Châteaus einen guten Tropfen produzieren und ich mich nur besser umschauen müsste. Dem ist eigentlich nicht viel entgegenzusetzen. Außer natürlich, dass ich mich an dieser Stelle als ein kleiner Etikettentrinker outen muss. Ich habe mich durchaus im Bordeaux umgeschaut, insbesondere auf dem rechten Ufer. Trotzdem bleibt der Wunsch, auch die Grand Crus zu probieren. Diese Spitzenweine liegen für mich inzwischen Jenseits von Gut und Böse. Bei den Premier Grand Crus bleibt der Preis selten dreistellig und damit liegen diese Weine nicht mehr in meinem Beuteschema. Selbst bei Weinen aus der dritten und vierten Reihe, werden durchaus dreistellige Preise aufgerufen. Schnäppchen lassen sich hier nur selten finden.

Wer sich aber ein grundlegendes Bild von einem Château machen möchte, dem lege ich die sogenannten Zweitweine ans Herz. Bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts ist es im Bordeaux üblich, dass ein Weingut neben seinem Spitzengewächs auch einen etwas kleineren Wein vermarktet. Das heißt jetzt aber keineswegs, dass  darin der Ramsch verarbeitet wird oder es grundsätzlich von schlechterer Qualität ist. Der Zweitwein ist vielmehr der „kleine Bruder“ des Grand Vin. Oftmals finden darin die Trauben jüngerer Rebstöcke ihren Platz oder Weinpartien, die nicht in die Assemblage passten. Meistens verbringen diese Weine auch etwas weniger Zeit im Barrique und sind dadurch früher zugänglich.

Idealerweise spiegeln sich auch im Zweitwein die Charakteristika des Châteaus wieder. Die Trauben unterliegen den gleichen Qualitätsanforderungen und im Keller kommen die gleichen Techniken zum Einsatz. Manche Weingüter sehen in ihrem Zweitwein sogar eine Art Ergänzung. So etwa das Château Palmer mit dem „Alter Ego“ oder das Château Cantenac Brown mit ihrem „BriO“. Diese Weine sollen nicht nur den kleinen Bruder geben, sondern kommen äußerst eigenständig daher.

Wer jetzt denkt, er habe damit die Lücke im System gefunden, der sei gewarnt. Die Zweitweine vieler erstklassiger Erzeuger sind ebenfalls kaum erschwinglich. Der „Pavillon Rouge“ des Château Margaux kostet auch gut und gerne 250,00 Euro. Ähnlich verhält es sich bei anderen Weingütern. Trotzdem bieten Zweitweine oft einen guten Einblick und meistens liegen die Preise bei weniger als der Hälfte des Grand Vins.

Hier kommen wir nun zu meinem halben Problem. Wie euch bereits bekannt sein sollte, bin ich ein ungeduldiger Mensch. Ich bevorzuge Weine aus dem Bordeaux mit zehn oder mehr Jahren auf dem Buckel. Dummerweise beschäftige ich mich aber erst seit zwei bis drei Jahren mit Wein. In meinem Keller sieht es daher oft eher mau aus. Zweitweine können auch hier eine gute Alternative sein. Durch eine kürze Fassreife sind die Weine häufig früher trinkreif und können schon jünger genossen werden. Wahrscheinlich werde ich jetzt von der Bordeaux-Fraktion gesteinigt, aber ich bin einfach kein Freund davon alles totreifen zu lassen.

Wer keine Lust auf große Etiketten hat, sollte sich im Medoc mal bei den Cru Bourgeois umschauen. Hier finden sich teilweise exzellente und ebenbürtige Wein. Auf dem rechten Ufer lohnt sich ein Blick in die Satelliten. Nein, ich rede nicht von den Dingern im All! Etwas abseits der beiden großen Appellationen (St. Emilion und Pomerol) finden sich dort hervorragende Weine für einen guten Preis. Etwa im Lussac-St.-Emilion, St.-Georges-St.-Emilion oder Lalande-de-Pomerol.

Inzwischen hat sich die Idee des Zweitweins verbreitet. Spitzenwinzer aus Spanien und Italien haben dieses Prinzip für sich entdeckt und produzieren ebenfalls Zweitweine. In Deutschland bietet die Qualitätspyramide zwar andere Möglichkeiten, dennoch kommt auch hier der Zweitwein (etwa das Kleine Kreuz vom Weingut Rings) in Mode. Im Bordeaux geht der Trend inzwischen hin zum Drittwein.

Ich habe mich diesmal gerne mit der zweiten Wahl zufriedengegeben:

Château Gazin (Pomerol) – L’Hospitalet de Gazin – 2014

Das Château Gazin liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum legendären Château Petrus. Die kalkhaltigen Kieselböden der Region sind prädestiniert für herausragende Merlots. Wir haben den Wein (mal wieder) sehr jung genossen, aber nach zwei Stunden in der Karaffe war er sehr zugänglich. In der Nase begrüßt uns der Wein mit einem intensiven Aroma aus Kirsche und Zartbitterschokolade. Hier lassen sich schon Anklänge von Vanille wiederfinden. Am Gaumen konzentriert sich der Geschmack in Richtung Cassis. Unterstützt wird das Ganze von ledrigen Noten, Vanille und etwas Tabak. Trotz des jungen Alters sind die Tannine bereits schön geschliffen. Insgesamt zeigt der Wein eine tolle Struktur und Tiefe. Problem an der ganzen Sache mit den Zweitweinen ist natürlich: Sie machen Lust auf den großen Bruder.

Ein kleiner Exkurs:

Das Bordeaux lässt sich in zwei grundlegenden Oberregionen unterteilen. Da haben wir das linke Ufer (der Gironde) mit der Medoc-Halbinsel und das rechte Ufer mit den Appellationen St. Emilion und Pomerol. Insgesamt finden sich etwa 37 Appellationen im Bordeaux zusammen. Die berühmtesten Appellationen auf dem linken Ufer sind sicherlich das Margaux, Pauillac, St.-Estèphe und St.-Julien. Im Medoc herrscht seit 1855 eine strikte Klassifizierung. Anlässlich der Weltausstellung in Paris wurden die Weine zunächst in Grand Crus (Große Gewächse) und Cru Bourgeois (Bürgerliche Gewächse) zergliedert. Innerhalb der Grand Crus fand eine weite Unterteilung in fünf Klassen statt. Maßgeblich für die Einteilung waren die durchschnittlichen Verkaufspreise der letzten 100 Jahre. Diese Klassifizierung hat bis heute Bestand und sie erwies sich als wahre Marketingmaschine. Obwohl die Klassifizierung unumstößlich[1] ist, haben sich inzwischen viele Weingüter nach oben gearbeitet. Alleine die Klassifizierung als Cinquièmes Cru (5. Rang) sagt nichts über die tatsächliche Qualität aus. So laufen gerade die „Hinterbänkler“ manchem großen Weinen den Rang ab.

Die Weine des linken Ufers sind meistens von der Rebsorte Cabernet Sauvignon geprägt und damit etwas rauer und muskulöser. Weine vom rechten Ufer enthalten in aller Regel einen höheren Merlot-Anteil und kommen daher runder und harmonischer um die Ecke. Ewiggestrige würden sagen, links wachsen die Männerweine. Ich enthalte mich hier mal jeder Wertung. Solltet ihr irgendwann mal gefragt werden, ob ihr Bordeaux-Weine mögt, fragt zurück ob das linke oder rechte Ufer gemeint ist.

Traditionell kommen im Bordeaux die Rebsorte Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot und Petit Verdot zum Einsatz. Zugelassen sind zudem Malbec und Carménère. Diese Rebsorten spielen heute aber kaum noch eine Rolle. Je nach Jahrgang reifen die Rebsorten immer etwas unterschiedlich. Der Kellermeister braucht also eine gewisse „Verhandlungsmasse“ um den bestmöglichen Wein hinzubekommen. Grundsätzlich werden die einzelnen Rebsorten getrennt ausgebaut und vinifiziert. Dabei wird auch nach einzelnen Rebanlagen und Mikroklimata unterschieden. Am Ende vom Lied haben die Weingüter also jede Menge Großfässer im Keller, die irgendwie zusammenfinden wollen. Nach etwa vier Monaten wird die Assemblage (im deutschen oft als Cuvée bezeichnet) festgelegt. Dazu werden die einzelnen Partien verkostet und ein optimales Mischungsverhältnis festgelegt. Dabei ergibt sich jedes Jahr eine andere Zusammensetzung, die aber dennoch der Charakteristika des Châteaus entsprechend soll. Natürlich achten die Winzer hier auch auf wirtschaftliche Gesichtspunkte. Die Weine für den Grand Vin werden danach assembliert und im Barrique weiter ausgebaut. Was jetzt übrig bleibt sind keineswegs schlechte Weine, sie „passen“ nur nicht in den Erstwein. Die verbleibenden Partien werden dann weiter selektioniert und zu einem idealen Ergebnis vermählt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Bordeaux_(Weinbaugebiet)

[1] Mit Ausnahme des Château Mouton-Rothschild das nachträglich 1973 aus dem zweiten in den ersten Rang aufstieg.

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