Rotkäppchen und der Kaiser…

Wahrscheinlich komme ich mit diesem Text ein halbes Jahr zu spät. Ein Beitrag über Schaumwein passt vielleicht besser in die Weihnachtszeit. Aber eigentlich ist diese Frage in Deutschland auch vollkommen egal, wir sind schließlich Sektweltmeister. Außerdem feiern wir am kommenden Wochenende (09.05.2021) nicht nur Muttertag[1], sondern auch den Deutschen Sekttag!

In keinem Land dieser Erde wird so viel Schaumwein konsumiert wie in Deutschland. Kein Familienfest, keine Feier ohne Sekt als Aperitif. Natürlich vergeht auch kein Muttertag ohne ein Glas Bubbles. Prickelndes ist bei uns einfach nicht wegzudenken. Wenn ich mir aber die Umsätze anschaue, wundere ich mich ein wenig. Obwohl wir Unmengen an Sekt und Schaumwein konsumieren, geben wir dafür erstaunlich wenig Geld aus. Im vergangenen Jahr konsumierten die Deutschen 2,6 Millionen Hektoliter Schaumwein; pro Person entspricht das 3,3 Liter.[2] Die Pandemie führte hier tatsächlich zu einem kleinen Rückgang, aber weniger Feiern bedeutet eben auch weniger Sekt. 2018 schafften wir es sogar auf 2,86 Millionen Hektoliter. Frankreich liegt etwa bei der Hälfte und die gesamte USA lag 2018 bei 2,39 Mio. Hektoliter. Durchschnittlich geben wir in Deutschland pro Flasche aber nur um die vier Euro aus.[3]

Den Mammutanteil in Deutschland machen Markensekte wie Rotkäppchen, Söhnlein und Henkel aus. Den (billigen) Prosecco Frizzante nicht zu vergessen – lecker. Ich persönlich finde das sehr schade, muss mir aber auch an die eigene Nase greifen. Selbst als ich bereits angefangen hatte mich mit Wein zu beschäftigen, lag Schaumwein für mich im Schatten. Mir schmeckte das prickelnde Zeug selten und meistens wählte ich die Variante mit etwas Orangensaft. Mit der Zeit habe ich mich dem Thema angenähert und kann sagen, dass Schaumweine inzwischen auch bei mir eine gewisse Rolle spielen.

Unvermeidlich sind aber Begegnungen der besonderen Art: Unter Einhaltung aller Corona Bestimmungen wurde auf meiner Arbeit ein „Sektempfang“ gegeben. Genauer gesagt, konnte sich jeder ein Glas Sekt und einen Kreppel abholen und dann zurück in die eigenen Vier-Bürowände gehen. In der Teeküche angekommen, steht er da! Rotkäppchen Rosé halbtrocken. Mmmh…okay! Eigentlich hätte ich an dieser Stelle gerne sofort kehrtgemacht, aber ich will ja auch kein Spielverderber oder Weinsnob sein. Also Augen zu und durch! Normalerweise bemühe ich mich ja wirklich um Zurückhaltung, aber diesmal kann ich nicht anders: Boah, war das eklig. Ich kann das Zeug wirklich nicht trinken. Und ich will es auch wirklich nicht mehr trinken.

Weshalb sperr ich mich so vehement gegen solchen Sekt? Vielleicht hilft hier eine kleine Bestandsaufnahme. Die Sektherstellung ist grundsätzlich mit ziemlich viel Aufwand verbunden. Anders als bei Stillwein, muss der Sekt immer zwei Mal vergären. Ob er das nun in der Flasche (Methode Champenoise) oder im Stahltank erledigt, ist dabei egal. Selbst für einen Laien verständlich, eine zweite Gärung erfordert mehr Arbeit. Trotzdem kaufen wir in Deutschland vornehmlich günstigen Sekt. Wieviel Handwerkszeug kann sich also in einer solchen Flasche wirklich wiederfinden?

Gehen wir mal von einem realen Flaschenpreis von 3,50 Euro aus. Eine Recherche zeigt, dass eine Rohflasche und der Verschluss bereits etwa 0,50 Euro kosten. Sektflaschen müssen einem hohen Druck (> 3,0 Bar) standhalten und sind deshalb immer etwas dicker. Etikett und „Korken“ wollen ebenfalls bezahlt werden, auch wenn viele „Hersteller“ hier auf günstige Plastikverschlüsse zurückgreifen. Jetzt müssen aber auch Lagerflächen, Marketing, Personal, Transport und Vertrieb bezahlt werden. Über den Daumen gepeilt fallen hier noch einmal 0,45 Euro pro Flasche an.

In einer Zwischenbilanz bleiben uns nur noch 2,55 Euro (von den ursprünglichen 3,50 Euro) übrig. Jetzt müssen wir aber natürlich noch die 19% Mehrwertsteuer abziehen. Schwups sind wir bei noch bei 1,88 Euro. Wein haben wir an dieser Stelle noch nicht gekauft, dazu kommen wir später.

Jetzt fehlen uns noch die zwei wichtigsten Preiskomponenten. Zum einen natürlich die Marge des Händlers, schließlich will der Handel auch was an der Sache verdienen. Je nach Sekt kommen wir hier etwa auf 0,60 bis 0,80 Euro pro Flasche[4].

Zum anderen ist der Staat auch noch nicht mit uns fertig. In Deutschland wird für jede vertriebene Flasche Sekt eine Schaumweinsteuer fällig. Diese beläuft sich für Sekt ab 6 Volumenprozent Alkohol auf 136 Euro pro Hektoliter, was 1,02 Euro pro Flasche macht. Von unseren 3,50 Euro gehen also alleine 1,69 Euro an den Staat. Fast die Hälfte des Preises kann dementsprechend gar nicht für einen qualitativ ansprechenden Wein ausgegeben werden.


Woher stammt denn aber diese enorme Steuerbelastung? Seinen Ursprung hat die Schaumweinsteuer bei unserem vormaligen Kaiser Wilhelm II. Der wollte auch gerne eine eigene Kriegsmarine haben, um in der Badewanne der Nationen mitplanschen zu können. Dummerweise fehlte ihm dazu etwas Geld. Und da wir schon damals gut darin waren viel Schaumwein zu konsumieren, wurde einfach eine Steuer darauf erhoben. Seit 1902 fällt diese Steuer an und finanzierte zunächst die Großmannssucht des Hohenzollers. Gebracht hat es ihm bekanntlich wenig, die meisten dieser Schiffe liegen irgendwo auf Grund.

Irgendwie ironisch, dass Schiffe ausgerechnet mit einer Sektflasche getauft werden. Eigentlich könnte man ja auch eine Flasche Spätburgunder oder Riesling dagegen werfen. Aber sei’s drum.

Die Hohenzollern wurden wir los, die Sektsteuer hingegen nicht. Natürlich hat sich auch die Bundesrepublik nicht gegen diese charmante Einnahmequelle gewehrt.


Der aufmerksame Leser wird feststellen, dass wir schon fast bei unseren 3,50 Euro angekommen sind. Genauer gesagt, haben wir noch knapp 0,20 Euro übrig und jetzt kaufen wir auch endlich Wein.[5] Wer an dieser Stelle noch denkt, er würde für den verbleibenden Betrag einen handverlesenen Grundwein aus deutschen Anbaugebieten bekommen, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Leider hält sich die deutsche Sektbranche sehr bedeckt. Als gesichert kann aber gelten, dass die großen Sekthersteller ihren Grundwein überwiegend in Süd- und Osteuropa einkaufen. Der Literpreis liegt etwa bei 0,25 Euro, auf eine Standardflasche kommt daher ein Weinpreis von sage und schreibe 0,19 Euro. Auf dem Rückenetikett findet sich noch nicht einmal ein Hinweis aus welchem Land der Grundwein stammt. Lecker! Wollen die Winzer von diesem Geld überleben, müssen sie auf Kosteneffizienz setzen. Handarbeit, Ertragsreduktion oder Verzicht auf Kunstdünger kannste knicken. Hier geht es alleine um Masse und selbst dann können die Winzer damit sicherlich keine großen Sprünge machen.

In Summe findet sich also Grundwein im Wert von etwa 0,20 Euro in einer solchen Flasche Sekt. Ich persönlich finde das ehrlich gesagt sehr erschreckend. Schließlich kaufen wir Sekt ja gerade zu speziellen Anlässen und zum Feiern. Statt diesem Umstand durch eine entsprechende Weinauswahl Ausdruck zu verleihen, bedienen wir uns absoluter Massenware. Gerade am Muttertag eigentlich ein Unding!

Wein ist für mich immer auch Handwerk. In den letzten Jahren durfte ich einige wirklich hervorragende Winzer kennenlernen und allesamt waren unglaublich leidenschaftliche Menschen. Ihnen macht der Umgang mit der Natur Spaß und sie wollen ein möglichst gutes Ergebnis erzielen. Dafür stiefeln sie bei Wind und Wetter durch ihre Weingärten. Klettern in Steillagen umher und schauen mitten in der Nacht ob die Gärung richtig läuft. Im Gegenzug haben wir dann das große Vergnügen ein tolles Endprodukt genießen zu dürfen. Dieses Endprodukt hat aber einfach seinen Preis und den bin ich gerne bereit zu zahlen. Bei dem eben dargestellten Rechenbeispiel, vergeht mir aber ehrlich gesagt der Durst.

Ihr müsst auch für einen guten Sekt kein Vermögen ausgeben. Einfache Winzersekte gibt es bereits für unter 10,00 Euro. Teilweise lassen sich hier auch schon Sekte aus traditioneller Flaschengärung finden. Der anstehende Muttertag ist der perfekte Moment, um in die Welt des Schaumweins abzutauchen. Ihr werdet den Unterschied merken.

Zur Feier des Tages habe ich aber mal etwas höher ins Regal gegriffen und habe es zu keiner Sekunde bereut:

Sekthaus Raumland (Rheinhessen) – Ma Passion (Brut) – 2012

Ein Blanc de Blanc vom deutschen Sektguru Volker Raumland. Bis zum Degorgement verbrachte der Sekt mehr als fünf Jahre auf der Hefe. Bereits in der Nase werden wir für diese Geduld belohnt. Das Brioche hat sich hier mit Haselnüssen und Quitte an einem klitzekleinen Lagerfeuer zum Stelldichein verabredet. Am Gaumen dann eine wirklich feine Perlage und ein wundervoller Schmelz. Fürwahr eher Champagner als deutscher Sekt und doch eigenständig. Gelbes Steinobst erobert seinen Raum und bringt noch etwas Karamell mit. Die Säure ist gut integriert und steigert den Trinkfluss weiter.

Wer hier Orangensaft reinkippt sollte vielleicht doch lieber Rotkäppchen Halbtrocken trinken. Insgesamt ein toller Sekt für besondere Momente und sicherlich auch ein toller Essensbegleiter – Sekt geht nicht nur zum Aperitif.


[1] Daher widme ich diesen Text meiner Mutter.

[2] https://www.der-winzer.at/news/2021/01/wein-pro-kopf-verbrauch-der-deutschen-gestiegen.html und https://de.statista.com/statistik/daten/studie/348642/umfrage/pro-kopf-konsum-von-schaumwein-in-deutschland/ (beide zuletzt abgerufen am 03.05.2021).

[3] https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/getraenke-die-deutschen-bleiben-weltmeister-im-sekttrinken/25356388.html und https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/deutsche-kaufen-sekt-und-champagner-fuer-eine-milliarde-euro-a-1302828.html (beide zuletzt abgerufen am 03.05.2021).

[4] Entspricht etwas unter 20% – der Lebensmitteleinzelhandel schweigt hier weitestgehend über die Margen. Angesichts der regelmäßigen „Sonderangebote“ dürfte die jeweilige Marge schwanken.

[5] Die rechnerische Ungenauigkeit resultiert aus den gerundeten Zahlen. Soll ja aber schließlich nur ein Beispiel sein. Etwaige Schwankungen gehen aber sicher eher zugunsten der Marge und nicht zugunsten der Winzer.


3 Kommentare zu „Rotkäppchen und der Kaiser…

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