Tour de Vin I – Schorle mal anders…

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis seit ich mich mit Wein beschäftige: Wein wächst nicht in hässlichen Gegenden. Zumindest ist mir bislang keine unansehnliche Plattenbaute neben ansehnlichen Rebstöcken untergekommen. Dabei mag es sich mal wieder um eine rein subjektive Wertung handeln, aber ich bleibe dabei, Weinbaugebiete sind schön! Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. Diesmal ruft die Pfalz und ihr Wein.

Irgendwie haben es mir die Weine aus der Pfalz angetan. Ich mag das Pfälzer Barock und die Opulenz. Wäre da nur nicht das Schorle![1] Die in der Pfalz schon fast religiös verehrte Unsitte sprudelndes Wasser in den Wein zu schütten. Ohne es empirisch überprüft zu haben, behaupte ich, es gibt kein Pfälzer Weindorf ohne stilisiertes Dubbeglas im Ortskern. Aber sei’s drum. Es kippt hier schon keiner ungefragt Wasser in den Wein! Dachte ich jedenfalls.

Die erste Etappe der Tour de Vin führte uns ins schöne Deidesheim. Hier fühlte sich nicht nur unser Altbundeskanzler Kohl besonders wohl, sondern auch der Riesling. Irgendwie also ein Heimspiel für mich.

Weingut von Winning

Mit der Jordan’schen Teilung von 1830 entstand das Weingut von Winning. Für mich immer eine feste Anlaufstelle bei Besuchen in Deidesheim. Der schöne Innenhof lädt zum Verweilen ein und Verkostungen sind in der Regel ohne Vorankündigung möglich. In diesem Ambiente lässt sich fast die gesamte Jahrgangskollektion probieren. Hier würde keiner auf die Idee kommen ein Schorle zu mischen.

Leider haben wir diesmal die Rechnung ohne den Wettergott gemacht.

Schon bei den Ortsweinen fielen die ersten Tropfen. Unsere Reaktion: „Ach, das zieht bestimmt vorbei.“ Deidesheimer und Forster Rieslinge überstrahlten das heranziehende Unwetter. Unter einem großen Sonnenschirm fühlten wir uns geschützt und der Innenhof war weiterhin gut besucht.

Wie so oft, irrte ich mit meiner Einschätzung. Hier zog rein gar nichts vorbei, es zog sich vielmehr über unseren Köpfen zusammen. Als kreisten Dementoren über uns, wurde es dunkel und frischte auf. Da mein innerer Patronus aber eine Rieslingflasche ist, konnte ich das Gefühl des Unbehagens recht schnell verdrängen.

Blitze am Horizont und Donnergrollen in der Ferne. Der Innenhof leerte sich. Wir blieben sitzen.

Während den Ersten Lagen öffneten sich dann die Schleusen. Sturzbachartig prasselte der Regen auf unseren „Sonnen“schirm. Ein kurzer Blick nach oben. „Ach, der Schirm hält das schon aus.“ Der Innenhof war inzwischen fast leer. Lediglich eine Familie und ein Radlerpaar hielten mit uns noch durch. Der Familienvater zog aber schließlich doch die Reißleine. Er stolperte in Flip-Flops durch die Sintflut, um den Porsche Cayenne als rettende Arche vorzufahren. Da waren wir noch zu viert.

Unsere Gastgeber zeigten sich hingegen sichtlich unbeeindruckt und kredenzten den aktuellen Riesling aus der Deidesheimer Mäushöhle. Die Mäusehöhle war definitiv mein Favorit für diesen Tag. Leider waren die Großen Gewächse entweder schon ausverkauft (Jahrgang 2019) oder noch nicht gefüllt.

Zum Wein gab es noch eine warme Decke, schließlich will ja niemand frieren. Wie zum Trotz legte auch das Wetter einen nach: Tosendes Gewitter! Das Radlerpärchen flüchtete sich gekonnt unter das Dach des Hofausschanks und prostete uns fröhlich zu. Mittlerweile saßen wir auf dem letzten trockenen Quadratmeter im gesamten Innenhof. Dies traf leider nicht auf unseren Tisch zu. Dann trinke ich eben doch Schorle!

Die pitschnassen Angestellten des Weinguts versuchten derweil zu retten, was zu retten war.[2] So saßen wir also auf dieser klitzekleinen trockenen Insel und beobachteten die Naturgewalten. Petrus, Zeus oder wer auch immer, zog heute alle Register. Next step: Hagel! Mitten in diesem furiosen Toben stand auf einmal der Leiter der Vinothek vor uns. Pitschnass mit Regenjacke und einem ansteckenden Galgenhumor führte er uns weiter durch die Burgundersorten und den Sauvignon Blanc. Im Hintergrund flitzte eine nicht minder durchnässte Kellnerin durch den Regen und servierte unseren Mittstreitern eine heiße Gulaschsuppe. Chapeau und n‘ Guten.

Gewitter sind ja wirklich faszinierend. Rohe unkontrollierbare Naturgewalten beobachte ich aber sonst gerne aus sicherer Distanz und mit einem Dach über dem Kopf. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich erst einmal ein solches Gewitter hautnah erlebt. Damals im Sommer 2003 suchte ich unter einer Tischtennisplatte im Fellbacher Freibad Zuflucht. So entging ich den meisten der golfballgroßen Hagelkörner. Die Zerstörungskraft war dennoch beeindruckend; nicht wenige Autoscheiben gingen damals zu Bruch. Witzigerweise stand diese Tischtennisplatte damals keine 350m vom Weingut Schnaitmann entfernt.

Aber zurück in die Gegenwart: Nach etwa einer Stunde war der Spuk vorbei. Später erfuhren wir, dass in der kurzen Zeit wohl mehr als 60 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen sind. Leider gab es auch kleinere Sachschäden. Soweit wir in Erfahrung bringen konnten, richtete der Hagel aber kaum Schaden an. Zum einen sind die Reben dieses Jahr sehr spät dran und bilden daher meist noch Ersatzblüten. Zum anderen stellt „nasser Hagel“ kaum eine Gefahr da. Die Hagelkörner 2003 waren deutlich größer und ich vermute die Fellbacher Winzer haben damals mehr Schaden erlitten.

Der Service war wirklich einzigartig. Trotz des unfreiwilligen Schorletrinkens blieb die Stimmung großartig. Eine Verkostung der ganz besonderen Art. An dieser Stelle einen herzlichen Dank an das Team von Winning.

Weingut Geheimer Rat Dr. von Bassermann-Jordan

Trockenen Fußes ging es ein paar Querstraßen weiter zum Weingut von Bassermann-Jordan. Ebenfalls aus der Jordan’schen Teilung entstanden, gehört das Weingut seither zu den festen Größen in Deidesheim. In der schön ausgebauten Weinscheune konnten wir einen tollen Einblick in den neuen Jahrgang bekommen. Mir sind insbesondere die „Experimentalweine“ in Erinnerung geblieben. Sowohl der Riesling Ancestral als auch die Cuveé Pithium machten Eindruck. Bereits farblich fielen die maischevergorenen Weine deutlich aus der Reihe. Insgesamt eine ungewöhnlich, aber stimmige Geschmackswelt.

Weingut Andres

Voller Motivation ging es danach zur dritten Station des Tages. Das Weingut der Gebrüder Andres kann man heute kaum noch als Geheimtipp bezeichnen. Die Weine sind inzwischen in aller Munde. Hier herrschte eine familiäre Atmosphäre und bereits nach wenigen Minuten hatten wir die gesamte Familie kennengelernt. Kein professionelles Verkaufspersonal, sondern die Menschen hinter dem Wein. Da drückt der Winzer schonmal einen Anruf weg, um sich weiter zu unterhalten. Winzerbesuche wie ich sie liebe. Voller Begeisterung ging es von den Gutsweinen bis hin zu den Lagen. Während des Verkostens lernte wir viel über die Philosophie der Brüder. Sie legen enormen Wert darauf, dem Weinberg „zuzuhören“ und Veränderungen zu beobachten. Biologische Landwirtschaft ist da ein Muss! Arbeit im Einklang mit der Natur hat für sie aber einen besonderen Stellenwert. Dabei bedienen sie sich auch Mitteln der Biodynamik. Hier schrillen bei mir erstmal alle Alarmglocken. Nicht, weil ich den Winzern irgendwas unterstelle, eher weil ich der Philosophie des Anthroposophen Rudolf Steiner einfach so gar nichts abgewinnen kann. Mit Steiner werde ich mich aber zu einem späteren Zeitpunkt intensiver beschäftigen. Hier konnte ich mit meiner Kritik nicht hinter dem Berg halten. Michael Andres stand dem aber offen gegenüber und erklärte mir seine Sicht der Dinge. Ich hatte den Eindruck, ihm geht das esoterische Geschwirbel von Steiner ähnlich gegen den Strich. Trotzdem wolle er nichts unversucht lassen, den Boden und die Reben so schonend wie möglich zu behandeln. Es sei einfach ein Unterschied, ob die Rebzeilen aussehen wie ein Golfplatz oder wie eine frische Blumenwiese. Dabei gehe es ihm auch nicht um irgendeine Zertifizierung, sondern um den Wein. Wirklich sehr sympathisch! Diese Liebe und Hingabe schmeckt man. Die Weine zeigen wirklich eine tolle Struktur und Harmonie. Die Rieslinge aus dem Ruppertsberger Spiess und Königsbacher Oelberg ragen hier besonders heraus.

Menschlich und auch in Sachen Wein eine besonders schöne Begegnung. Sogar in Sachen Schorle gab es einen Erkenntnisgewinn. Michi Andres verriet uns, dass es auf das Mineralwasser ankomme. Gerolsteiner etwa sei viel zu mineralisch, Elisabethenquelle hingegen sein Geheimtipp. Gönnte ich mir zum Abendessen eine Rieslingschorle? Vielleicht! Würde ich zugeben, dass es gar nicht so übel war? Niemals! Ich freu mich jedenfalls schon jetzt auf die Weine der Gebrüder Andres und darauf, bald wieder auf den Hof zu fahren.

Weingut Andres – Ruppertsberger Spiess – 2019

Pfirsich-Maracuja war schon als Kind mein absoluter Lieblingsjoghurt. Dieser Riesling bringt mich daher zum Schwelgen. Pfirsich, Maracuja mit ein wenig Mango in der Nase; natürlich ohne das laktische des Joghurts. Wirklich phänomenal! Am Gaumen lockern Zitrusnoten den Wein noch etwas auf. Getragen wird er von einer strahlenden Säure und eine wunderschönen Mineralität. Präzise, geradlinig und wahnsinnig balanciert rollt der Wein durch den Mund. In ein paar Jahren sicherlich ein Kracher, aber auch jung bereits ein richtiges Vergnügen. Der Wein steht für eine gefühlte Ewigkeit im Mund und er soll gar nicht enden.


[1] Die Frage ob es die oder das Schorle heißt, konnte hier nicht abschließend geklärt werden. In meiner schwäbischen Heimat heißt es das Schorle und daran will ich hier nicht rütteln.

[2] Zu unserer Verteidigung sei erwähnt: Wir hatten nicht erwartet, weiter bedient zu werden. Die Servicekräfte schienen sich aber damit abgefunden zu haben und machten einfach weiter.

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