Tour de Vin II – Unverschämt viel eingekauft…

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis seit ich mich mit Wein beschäftige: Wein wächst nicht in hässlichen Gegenden. Zumindest ist mir bislang keine unansehnliche Plattenbaute neben ansehnlichen Rebstöcken untergekommen. Dabei mag es sich mal wieder um eine rein subjektive Wertung handeln, aber ich bleibe dabei, Weinbaugebiete sind schön! Warum also in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. Diesmal ruft die Pfalz und ihr Wein.

Leider ist es beim Wein so ne Sache. Wer hin und wieder Weingüter besucht, trifft die unterschiedlichsten Menschen. Neben viel Licht gibt es leider auch immer etwas Schatten. Bislang ist mir noch kein unfreundlicher Winzer untergekommen. Bei den anderen Besuchern kann ich das leider nicht behaupten. Wein als Mittel der Distinktion finde ich einfach gruselig. Trotzdem begegnen einem immer wieder solche Typen. Gefühlt geht es diesen Kandidaten weniger um den Wein als um ihr eigenes Ego. Zum Glück zeigt sich aber, die Winzer sind davon ähnlich genervt.

Aber genug der Vorrede. Die zweite Etappe der Tour de Vin führte uns etwas nördlicher. In Laumersheim und Freinsheim galt es Riesling, Spätburgunder und jede Menge anderer Rebsorten zu verkosten.

Weingut Knipser

Schon länger wollte ich dem Weingut einen Besuch abstatten. Finden diese Weine doch regelmäßig ihren Weg in mein Glas. Wie üblich beginnen wir mit den einfachen Gutsweinen und steigern uns langsam. Bereits der „einfache“ Sauvignon Blanc ist ein Quell der Freude. Knackig frisch ein perfekter Terrassenwein. Aber auch die etwas ungewöhnliche Kombination aus Gewürztraminer und Riesling kann überzeugen. In Sachen Riesling haben sowohl das Große Gewächs aus dem Mandelpfad als auch das Halbstück mein Herz berührt. Insbesondere das Halbstück aus 2015 zeigt einen unendlichen Tiefgang und Struktur. Unerwartet Kraftvoll ging es weiter mit dem Chardonnay *** und dem Marsannier *** (einer Cuvée aus Marsanne und Viognier). Richtige Kraftpakete. In Sachen Rotwein lag der 2015er Spätburgunder aus dem Kirschgarten vorne. Dicht gefolgt von dem 2015er Syrah.

Weingut Rings

Kaum zehn Minuten entfernt liegt das Weingut Rings im malerischen Freinsheim. Inzwischen sind die Rings Brothers zu einer festen Größe in der Pfalz aufgestiegen. In freudiger Erwartung ließen wir uns auf der Terrasse nieder. Kurz nach uns fuhr eine monströse G-Klasse mit Frankfurter Kennzeichen auf den Hof. Mit diesem Ungetüm kann man sicherlich jeden Smart in der Frankfurter Innenstadt platt machen oder aber einen kleineren Golfstaat überfallen. Aber schließlich will man vorbereitet sein. Wir wurden sehr zuvorkommend durch die Weine geführt. Leider war vieles bereits ausgetrunken oder noch nicht gefüllt. Gut für die Winzer, schlecht für uns. Die Gutsweine sind hier besonders bemerkenswert. Sowohl Riesling als auch Spätburgunder zeigen, welchen Anspruch das Weingut hat. Selten habe ich Gutsweine in einer solchen Qualität getrunken. Von besonderer Qualität waren dann auch die Gespräche am Nachbarstisch. Kaum ein Winzer mit dem der Wortführer nicht gut befreundet sei. Kaum eine Magnumflasche, die er noch nicht getrunken habe. Unerwähnt blieb auch nicht, dass er bei seinem letzten Besuch „unverschämt viel eingekauft hat“ [sic!], aber alles schon wieder leer getrunken sei. Ich bin inzwischen kurz davor Rückfragen zu stellen, beiße mir aber auf die Lippe. Zum Glück haben wir einen Mietwagen mit Hamburger Kennzeichen. Eigentlich redet nur einer, selbst die Gattin einer der Winzer kommt kaum zu Wort. Sie lächelt und nickt.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie ruhig und freundlich Winzer in solchen Situationen bleiben. Wahrscheinlich tröstet sie der Gedanke an den nächsten unverschämt großen Einkauf über das Gessabel hinweg. Ungeachtet der charakterlichen Entgleisungen am Nachbartisch hatten wir eine schöne Weinprobe mit hervorragenden Erläuterungen. Wir kommen gerne jederzeit wieder!

Weingut Philipp Kuhn

Unser letztes Etappenziel führte uns zurück nach Laumersheim. Diesmal zum Weingut Philipp Kuhn. Und siehe da, was parkt auf dem Hof? Richtig eine silberne Mercedes G-Klasse mit Frankfurter Kennzeichen. Heute wohl doch kein Golfstaat überfallen. Kurz gehe ich mit der Hoffnung schwanger, es wären zwei dieser fahrenden Potenzsurrogate unterwegs…aber nein…da sitzen sie schon wieder. Mit etwas mehr Abstand nehmen wir Platz und starten mit einem Rosé. Weiter geht’s über die Guts- in Richtung Ortsweine. Inzwischen hat Felix aus dem Vertrieb unsere Weinprobe übernommen und wir kommen ziemlich ins Fachsimpeln. In den Pausen lausche ich mit einem Ohr meinen neuen Lieblingsfrankfurtern. Gefühlt kommen hier die gleichen Geschichten auf den Tisch. Naja, sei’s drum! Bei den Ortsweinen zieht mir der Edelsatz die Schuhe aus. Schon wieder Gewürztraminer mit ein bisschen (30%) Riesling – dazu später mehr.

Bei den Ersten Lagen entbrennt eine wilde Diskussion zwischen Felix und mir. Ich bevorzuge den Großkarlbacher Burgweg, er den Kallstadter Steinacker. Ab hier wurde es richtig nerdy aber auch extrem unterhaltsam. In Sachen Riesling GGs war für mich der Steinbuckel etwas vorne. Aber auch der Kirschgarten aus 2019 wusste zu überzeugen. Plötzlich findet sich auch der eigentlich schon ausgetrunkene Kirschgarten Pinot Blanc in unseren Gläsern. Hier ist es um mich geschehen! So wundervoll dicht ist dieser Wein.

Inzwischen näherten wir uns dem Ende der Öffnungszeiten. Ein Wohnmobilfahrer fasste kurzerhand den Entschluss beim Wenden seine Markise mit dem Hofdach bekannt zu machen. Keine gute Idee! Manchmal kommt es eben doch auf die Größe an. Zugegeben, die Frankfurter G-Klassen-Fraktion hatte ihr Schlachtschiff gekonnt mittig im Hof geparkt. Da führte kein anderer Weg daran vorbei. Immerhin macht sich die Truppe dann auch vom Acker. „Der kurzfristig ergatterte Tisch im Sternelokal wartet [sic!]“.

Obwohl die Zeit schwand, kamen nun erstmal die Réserven auf den Tisch. Viogner, Grauburgunder und Sauvignon Blanc sind echte Bretter. Erst eine Woche auf der Flasche und schon solche Granaten. Der Sauvignon Blanc steht seinen französischen Vorbildern in nichts nach. Ich bin schon gespannt, wie sich diese Weine entwickeln. Danach kam ein Vierer-Flight Rot. Saint Laurent, Blaufränkisch, Cabernet Sauvignon und Sangiovese. Ja ganz richtig, Sangiovese aus der Pfalz. Ich hätte diesen Wein sicher irgendwo in der Toskana verortet – eindrucksvoll. Von dem Vierergespann gefiel mir der Saint Laurent am besten; kommt auf die Liste.

Ein kurzes Intermezzo mit dem Orange-Lable Merlot Grand Réserve. Inzwischen drängt die Zeit, aber der Wein macht große Freude.

Felix scheint seine Folgetermine bereits aufgegeben zu haben und bringt zum Abschluss noch die beiden roten Großen Gewächse aus dem Steinbuckel und dem Kirschgarten. Beide Spätburgunder sind wahnsinnig schön strukturiert. Spätestens hier vergesse ich meinen Grundsatz des Ausspuckens und genieße einfach nur noch. Wieder einmal bevorzuge ich den Steinbuckel, aber wirklich nur um einen Hauch. Ich mag die etwas kühlere Frucht und die enorme Dichte.

Während der Wohnmobilfahrer weiterhin versucht seine Markise zu retten, geht die Fachsimpelei weiter. Sympathischer geht es nicht mehr. Dank eines unerklärlichen Zufalls finden dann sogar noch zwei Flaschen Kirschgarten Pinot Blanc ihren Weg in unseren Kofferraum – Wunder gibt es immer wieder. Gut gelaunt fahren wir vom Hof. Eine Flasche Wasser vor dem Schlafengehen rettet mir den nächsten Morgen. Ich bin mir sicher, der nächste Besuch wird nicht lange auf sich warten lassen.

Weingut Philipp Kuhn – Laumersheimer Edelsatz – 2019

Heureka! Gewürztraminer ist eigentlich so gar nicht meins. In aller Regel sind mir die Weine zu ausufernd und opulent. Offensichtlich scheinen 30% Riesling aber eine geeignete Lösung für dieses Problem zu sein. In der Nase bereits feine Aromen von Muskat, Rosen und etwas reifem Apfel. Im Mund entfaltet sich der Edelsatz fast explosionsartig. Die Opulenz des Gewürztraminers bleibt, wird aber perfekt vom eleganten Riesling begleitet. Der zarte Schmelz vereint sich mit der frischen Säure zu einem raffinierten Spiel. Litschi und Grapefruit kommen durch. Ich kann mir diesen Wein wirklich hervorragend als Speisenbegleiter vorstellen. Hier kommt zusammen, was zusammen gehört.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es noch M-Klasse. Richtigerweise hätte es G-Klasse heißen müssen. Anders lässt sich auch kein kleinerer Ölstaat überfallen. Der zuständige Redakteur wurde selbstverständlich entlassen.

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