Prinzip Chaos

Ich trinke einfach viel zu wenig Wein! Als Weintrinker eine bittere Erkenntnis und ich fühle mich unweigerlich in meine Zeit als Doktorand zurückversetzt, als ich fleißig Quellen gesammelt und dann doch nicht gelesen habe. Nun will ich keine zweite Doktorarbeit schreiben, ein gutsortierter Weinkeller würde mir schon reichen.

Jeder Weinliebhaber träumt davon: Ein altes Kellergewölbe mit perfekten klimatischen Bedingungen und einem schönen Verkostungstisch. Umrahmt von edlen Weinregalen wähne ich mich im vinophilen Himmel. Meistens sieht die Realität aber anders aus. In einem infernalischem Chaos stapeln sich Pappkartons und Lieferkisten. Der Blick auf das Thermometer lässt den Wunsch nach einem jähen Ende des Sommers wachsen. Seitwärts dräng ich mich dazwischen und fange an zu wühlen. Beiläufig fällt mir auf, dass ich vor dem letzten Lockdown auch noch etwas besser zwischen die Kistentürme gepasst habe. Ein Glück leide ich nicht unter Platzangst, ein Wohlfühlgefühl will sich aber auch nicht einstellen.

Ganz so schlimm ist es tatsächlich nicht. Selbst die Gewichtszunahme während des letzten Lockdowns ist (glaub ich) noch vertretbar. Trotzdem sollte ich nicht auf die Idee kommen in meinem kleinen Kellerräumchen Hula-Hoop zu tanzen, es würde maximal für ein „Hu“ reichen. Nachdem ich aber nahezu alles was nicht trinkbar ist aus dem Keller verbannt hatte, passen immerhin ein paar Weinlagerkisten rein. In einer Stadt wie Frankfurt lernt man in die Höhe zu bauen.

Diese Umstände ließen ja eigentlich den Schluss zu, sich beim Weinkaufen mehr Gedanken zu machen. Aber getreu meinem Lebensmotto – konsequent inkonsequent – unterlaufen mir immer wieder Patzer.

Vor fast einem Jahr habe ich mich schon einmal zu diesem Thema geäußert. Daher erstmal eine kleine Bestandsaufnahme, was sich seitdem getan hat. Eine kurze Moselreise spülte eine ansehnliche Menge Riesling in meinen Keller. Ähnlich lief es bei unserem Besuch in der Pfalz. Zwei Tagestouren in den Rheingau waren dem Bestand ebenfalls zuträglich und unser Urlaub im Trentino beförderte erneut ein paar Italiener in mein Weinlager. Die im letzten Winter angeschafften Weinlagerkisten sind zum Bersten voll und es stapeln sich schon wieder Pappkartons, anders ist die Menge nicht mehr zu bewältigen.

Eigentlich klingt das ja gar nicht schlecht. Ich habe mich an meinen Vorsatz gehalten und nur noch Weine gekauft, die mir wirklich sehr gut gefallen haben. Dummerweise gefällt mir aber zu viel und ich trinke davon zu wenig.

Probleme hat der Mensch! Aber tatsächlich habe ich beim Einkaufen mal wieder nicht genug mitgedacht. Aus reinem Hedonismus heraus, kaufte ich neben den GGs und Ersten Lagen immer noch jede Menge Guts- und Ortsweine. Prädikat: Lecker und Süffig. Eigentlich ein cooles Prädikat, aber gleichzeitig problematisch. So sehr ich diese Weine auch liebe, ich trinke nicht genug Guts- und Ortsweine, um damit meinen Keller vollzustopfen. Es ist jetzt wirklich nicht so, als würde ich mir keine Mühe geben. Trotzdem kaufe ich in Summe mehr, als dass ich trinke. Das Zeug liegt dann rum und nimmt Platz weg. Diese Weine sind eher für einen zügigen Konsum gedacht und werden durch drei Jahre Lagerzeit nicht exorbitant besser.

Wie heißt es so schön: Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung. Mitten in unserem Italienurlaub kam mir (zugegeben, zum wiederholten Male) diese Erkenntnis! In der zweiten Hälfte habe ich mich dann auch mehr am Riemen gerissen und einen klaren Fokus auf die lagerfähigen Weine gelegt. Alltagsweine habe ich genug und im Zweifel findet man die auch mal eben beim Weinhändler um die Ecke.

Immerhin habe ich es geschafft, mein Lager vor dem Status eines Weltweinbaumuseums zu bewahren. Die Kiste „Rest der Welt“ wird zusehends leerer und ich konzentriere mich auf das Bordeaux und Deutschland. Klar, das ist immer noch eine Menge, aber immerhin ein erster Schritt, mit dem ich leben kann!

Gut, es finden sich immer noch Restbestände von der Rhône im Keller und natürlich die paar Italiener. Die lassen sich aber wegtrinken, die Übrigen stehen nicht im Weg und können noch ein wenig vor sich hin reifen.

Ziel soll es sein, den Fokus weiter auszubauen und die Bestände langsam dahin abzuschmelzen, dass nur noch wirklich lagerfähige Weine in meinem Keller Platz finden. Zwei Kisten kommen dann eben an den Rand und werden mit Alltagsweinen bestückt. Um etwaigen Patzern vorzubeugen, habe ich mir aber direkt mal eine neue Ladung Weinlagerkisten bestellt – schließlich weiß man ja nie!

Die Probe aufs Exempel kommt dann auch direkt. Mit Freunden geht es erst an die Mosel und dann nach Würzburg. Zwei Wochenenden mit jeder Menge Weingutsversuchungen. Ich bin gespannt, was ich am Ende wieder in meinen Keller trage.

Frei nach Trainerlegende Sepp Herberger gilt aber, nach dem Umräumen ist vor dem Umräumen. Sortiere ich die ganze Chose jetzt nach den Regionen, Rebsorten, Qualitätsstufen oder Winzern? Berücksichtige ich dabei die einzelnen Jahrgänge? Soll Sekt wirklich besser im Stehen gelagert werden? Und sollten die anspruchsvolleren Weine vielleicht lieber in die unterstete Reihe? Warme Luft steigt ja bekanntlich nach oben. Vielleicht sollte ich mir gleich ein Feldbett in den Keller stellen, um in aller Ruhe über diese Probleme nachzusinnen – aber dafür ist ja auch kein Platz!

Ihr ahnt es schon, dieser Text wird nicht der letzte zum Thema Keller sein. In der Zwischenzeit gibt es mal einen dieser Ortsweine, die unbedingt wegmüssen – verdammt war das wieder lecker:

Weingut Andres – Haardter Chardonnay – 2020

Die Nase wird geprägt von reduktiven Tönen. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung wie ich es sonst ausdrücken soll. Am Gaumen dann herrlich kraftvoll und vielschichtig. Reifes gelbes Steinobst hüllt sich in ein wohlschmeckendes Salznegligee (Mantel war mir hier zu abgedroschen und zu viel Stoff). Diese Mineralität umgarnt fordernd das cremigen Mundgefühl und gemeinsam bringen sie den Wein zum Vibrieren. Keine Sorge, es handelt sich weiterhin um eine Verkostungsnotiz. Die gut eingebundene Säure gibt dem Liebesspiel der Aromen den letzten Kick. Ausdauernd verabschiedet er sich mit einem langen Nachhall, bei dem wieder die Salzigkeit dominiert.

Insgesamt ein toller Essensbegleiter der nicht satt macht. Ein Ortswein wie er sein soll!

2 Kommentare zu „Prinzip Chaos

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