Irgendwo zwischen Langnese Honig und Hela Gewürzketchup…

Neulich traf ich mich mit einem guten Freund auf ein Glas Wein. Bei dieser Gelegenheit erzählte er mir von einem kleinen Weingut in der Nähe seiner Heimatstadt. Soweit so gut. Käme mein Freund aus Württemberg, der Pfalz oder dem Rheingau wäre ich nicht sonderlich verwundert gewesen. Er stammt allerdings aus dem hohen Norden und das Weingut liegt in der Nähe von Honeytown Bargteheide.

Zugegeben, jetzt war ich doch etwas verwundert. Weinbau in Schleswig-Holstein? Klar, ich hatte von dem Versuchsanbau von Balthasar Ress auf Sylt gehört. Diese Aktion kam mir aber eher wie ein Marketinggag für Sylt Urlauber vor. Ein neues deutsches Weinbaugebiet hatte ich dabei dennoch nicht vor Augen. In meinen Gedanken bin ich schon wieder bei der Frankfurter G-Klasse. Wo meine neuen Freunde wohl gerade sind?

Egal welches Lehrbuch ich aufschlage, Weinbau konzentriert sich in der nördlichen Hemisphäre zwischen dem 40. und 50. Breitengrad. Früher galt schon die Terrassenmosel (Cochem liegt auf dem 50. Breitengrad) als unterkühlt und regelmäßig reiften Jahrgänge nicht richtig aus. Bargteheide liegt hingegen auf dem 54. Breitengrad und damit weit jenseits des vermeintlichen Rebengürtels. In Zeiten des Klimawandels sind die alten Schulweisheiten aber gerne mal für die Tonne. Apropos Schule: Damals war bei 28 Grad Hitzefrei eine sichere Sache und wir packten vorsorglich gleich mal die Badehose ein (Wer davon jetzt einen Ohrwurm hat, ist selber schuld… ich träller derweil „Komm pack die Badehose ein…“). Heute gelten 28 Grad als lauer Sommertag und ich überlege ernsthaft einen Pullover einzupacken. Während in Tschechien Tornados über die Lande ziehen, werden an der Mosel die Trauben reif. Bei der großen Klimakatastrophe steht der deutsche Weinbau derzeit noch auf der Gewinnerseite. Inzwischen haben die deutschen Winzer gelernt, besser mit den Temperaturen umzugehen. Während der Jahrgang 2015 viele noch vor große Herausforderungen gestellt hat, sind sie heute deutlich besser vorbereitet. Durch veränderte Laubarbeiten etc. sind großartige (warme) Jahrgänge entstanden. Steigen die Temperaturen aber weiter, können wir uns auf Dauer von filigranen säuregeprägten Rieslingen und Spätburgunder verabschieden. Nicht wenige Winzer haben bereits Syrah und Merlot in ihren Weingärten stehen. Jedem Winzer sind die Veränderungen klar. Wie Teile der internationalen Politik die Sache immer noch ausblenden können, ist mir ein Rätsel. Gut, andererseits konnte ich vier Jahre meines Studiums ausblenden, dass ich am Ende ein Examen schreiben muss. Unliebsame Wahrheiten sind wohl leichter zu verdrängen.

In den letzten Sommern erlebten wir regelmäßig Rekordtemperaturen. Teilweise kletterte das Thermometer sogar auf über 40 Grad. Aber reicht das wirklich aus, um in Schleswig-Holstein ernstzunehmenden Weinbau zu betreiben? Schauen wir uns das mal genauer an: Die Ecke zwischen Bargteheide und Ahrensburg ist für vieles bekannt, aber sicher nicht für Wein. Dies soll sich aber bald ändern. Zumindest wenn es nach ein paar Weinbaupionieren in Schleswig-Holstein geht. Irgendwo dort zwischen Langnese Honig (Bargteheide) und Hela Gewürzketchup (Ahrensburg) liegt das Schatoh Feldmark. Endlich mal eine vernünftige Aussprache mit der ich mich nicht direkt blamiere. Zumindest hier könnten sich die Franzosen etwas abschauen.

Die beiden Pioniere heißen Leon Zijlstra und Jörn Andresen. Als 2016 dem Bundesland Schleswig-Holstein weitere 5 ha Pflanzrechte angeboten wurden, waren sie sofort mit am Start. [1] So konnten bereits kurz darauf die ersten Rebstöcke im Kreis Storman gepflanzt werden. Insgesamt nennt das Schatoh 1,7 ha sein Eigen. Wer Wein machen will, braucht (leider) Geduld. In der Regel kann nach drei bis vier Jahren das erste Mal gelesen werden und so fand 2019 die Jungfernlese statt. Natürlich bringen junge Rebstöcke noch nicht so viel Ertrag, weshalb der 2019er recht schnell vergriffen war.

Gutes Wetter allein macht aber noch keinen guten Wein. Faseln Weinheinis doch fortwährend vom Terroir. Das wussten auch Zijlstra und Andresen und ließen den Boden von der renommierten (Wein)Fachhochschule Geisenheim analysieren. Sie beschreiben ihn als „erstaunlich divers in der Bodenstruktur, [was] auf spannende Weine hoffen lässt. “ Zugegeben, dass klingt ein wenig nach Wühltisch (Im schwäbischen würden wir dazu Kruschtelkiste sagen“), aber wir werden sehen. Die nordische Witterung tut ihr Übriges und sorgt mit Wind und Wetter für ein sicher einzigartiges (Mikro)Klima.

Zu guter Letzt stellt sich natürlich die Frage nach den Rebsorten. Riesling, Müller-Thurgau oder doch Chardonnay? Weit gefehlt! Das Schatoh widmet sich konsequenterweise den sog. PIWI-Rebsorten. Bitte was? Was zur Hölle sind denn jetzt PIWI-Rebsorten? Pilzwiderstandsfähige Rebsorten zeichnen sich dadurch aus, dass sie besonders gute Resistenzeigenschaften gegen den echten und falschen Mehltau aufweisen. Sie entstehen durch die gezielte Kreuzung von besonders widerstandsfähigen Rebsorten mit bekannten Klassikern. Dadurch kann der Einsatz von Fungiziden um bis zu 80% reduziert werden. Ich finde es nur folgerichtig hier ein besonderes Augenmerk auf den Umweltschutz zu legen, schließlich wird der Anbau erst durch den Klimawandel möglich.

Beim Betrachten der Flasche wurde ich dann allerdings doch wieder etwas stutzig. Warum steht denn da jetzt was von den Niederlanden drauf? „Wein gewonnen in den Niederlanden aus in Deutschland geernteten Trauben“ Erdkunde war nicht mein stärkstes Fach, aber dafür reicht es gerade noch. Bargteheide liegt jetzt nicht unmittelbar neben den Niederlanden. Einen Tod muss man aber wohl sterben. Die Weinwerdung endet ja nicht mit der Lese. Die edlen Trauben wollen gepresst, ausgebaut und schließlich auf die Flasche gezogen werden. Dafür benötigt man nicht nur eine Unmenge an Wissen und Erfahrung, sondern auch Technik und Gerätschaften. Günstig geht anders, außerdem verirren sich mobile Weinpressen in der Lesezeit auch nur selten in den hohen Norden. So entschieden sich die beiden Jungwinzer für einen Lohnausbauer im niederländischen Bentelo. Sprich, die Trauben müssen nach der Lese erstmal knappe 350km im LKW zurücklegen. Sicher kein Knaller für die Ökobilanz, Alternativvorschläge habe ich aber auch keine. Für die Qualität dürfte entscheidend sein, dass die Trauben gekühlt und schonend transportiert werden.


Besonders in warmen Jahren entscheiden sich deutsche (Spitzen)Winzer gerne mal dazu, bereits frühmorgens zu lesen und im Zweifel mit Trockeneis nachzuhelfen. Wird schon im August/September gelesen, ist es einfache Physik. Umso höher nämlich die Außentemperatur, umso höher auch die Temperatur innerhalb der Beeren. In warm-feuchten Jahren steigt natürlich auch der Pilzdruck. Mikroorganismen aller Art fühlen sich dann pudelwohl. Denken wir dabei nur an den Hefeteig auf der Heizung. Dadurch besteht auch die Gefahr, dass beschädigtes Lesegut bereits auf dem Weg in die Kelter zu gären beginnt. Spätestens im Keller müssen die Trauben dann gekühlt werden, um keine wilde und unkontrollierte Gärung zu riskieren. Trockeneis schützt dann auch vor Oxidation, da der Sauerstoff zuverlässig verdrängt wird.


Obwohl es inzwischen etwa 30 ha Rebfläche in Schleswig-Holstein gibt[2], muss hier noch viel ausprobiert und improvisiert werden. Anders als in althergebrachten Weinbauregionen fehlt es noch an eingespielten Produktionsabläufen und der passenden Infrastruktur. Insgesamt ein spannendes Projekt – ich denke wir dürfen uns darauf freuen. Trotzdem hoffe ich, wir lassen das mit dem Klima nicht endgültig eskalieren – wäre ja auch irgendwie schade drum.

Nach so viel Geblubber stellt sich natürlich die alles entscheidende Frage: Wie schmeckt jetzt eigentlich ein solches Nordlicht?

Schatoh Feldmark – Solaris – 2020 (trocken)

Weinvergnügen voraus! Ein bisschen zögerlich war ich ja. In der Nase wirkt der Wein aber sehr klar und harmonisch. Tatsächlich muss ich hier nicht erst in die Takelage klettern um die Aromen zu erspähen. Land in Sicht! Für mich dominieren in der Nase exotische Früchte: Maracuja mit ein wenig Papaya. Am Gaumen dann ein kleiner Dämpfer, hier fahren wir nicht ganz im Wind. Der Wein ist zunächst etwas verhalten und die Säure schwingt dezent aus dem Takt. So richtig stört es uns aber nicht; wir schenken nach und stimmen gleich noch ein Shanty an. Mal abgesehen vom Säureuntief, bereitet uns der Wein einiges an Spaß und für den zweiten Jahrgang ist er wirklich beeindruckend. Am Gaumen haben die Früchte das Ruder in der Hand, es zeigt sich aber auch eine schöne Mineralität. Wie es scheint, ist das Schatoh Feldmark auf einem guten Kurs und wir sind gespannt, wohin die Reise geht. Nun aber genug der nautischen Wortspiele – Ahoi und Prost!


[1] Tatsächlich gab es wohl bereits im Spätmittelalter Weinbau im heutigen Schleswig-Holstein. Der zeitgenössische Anbau startete wieder 2009. Damals trat das Land Rheinland-Pfalz insgesamt 10 ha an Neuanpflanzungsrechten ab. Zwischenzeitlich kamen immer wieder neue Pflanzrechte dazu. Laut Landesverordnung zur Durchführung weinrechtlicher Vorschriften (WeinDVO) dürfen die meisten dieser Erzeugnisse als Schleswig-Holsteinischer Landwein vermarktet werden. Bislang gilt dies aber noch nicht für den Wein aus Bargteheide. Mehr dazu findet ihr bei Wikipedia:

https://de.wikipedia.orgh/wiki/Weinbau_in_Schleswig-Holstein?wprov=sfti1 (zuletzt abgerufen am 06.07.2021)

[2] https://www.sh-tourismus.de/aktivitaet/geniessen/wein (zuletzt abgerufen am 06.07.2021)

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