Mein neustes Hirngespinst…

Eine kurze Vorrede sei mir erlaubt. Der folgende Beitrag stieß bei meiner internen Qualitätskontrolle auf geteilte Meinung. Bei einem Stand von 1:1 entscheide ich aber einfach selbst.

Gerne gebe ich zu, ich wurde 15 Jahre alt, danach wuchs ich nur noch ein wenig. Meine kindliche Art bewahrend, sind mir auch Computerspiele bis heute stets ein inneres Kirschenpflücken geblieben. Wein und Computerspiele bilden aber leider keine typische Einheit. Das könnte sich aber jetzt ändern…wenn ein Spielentwickler diesen Text lesen sollte.

Computersimulationen sind bis heute ein Kassenschlager. Fans verbringen Stunden damit, in Echtzeit über den Atlantik zu fliegen. Egal ob Flugzeuge, Landwirtschaft oder Fischen: Die Welt der Simulationen ist nahezu unbegrenzt. Nur irgendwas mit Wein fehlt! Meinen Recherchen zu Folge, bietet lediglich der Landwirtschaftssimulator 2019 sowas an. Netterweise haben ein paar Youtube-Gamer die Weinsimulation angespielt und die Funktionen getestet. Mein Fernurteil: Mangelhaft. Wie es aussieht, lassen sich zwar einige Facetten des Winzerlebens nacherleben, aber irgendwie fehlt mir dabei die Würze.

Daher nun mein Aufruf an die Spielentwickler dieser Welt! Realistisch muss es sein. Um die Realität des deutschen Winzers abzubilden, sollten wir das Setting natürlich in einem kleinen Dorf verorten. Ob dieses letztlich in der Pfalz, Württemberg oder an der Mosel liegt, kann erstmal offenbleiben. Wobei der Steillagenweinbau an der Mosel vielleicht auch als Parameter der Schwierigkeitsstufen dienen könnte – halten wir das mal im Hinterkopf. Wichtig wäre aber, dass es in dem Dorf keine Ampel gibt, wirkt viel zu großstädtisch. Eine übergroße Weintraube am Ortseingangskreisverkehr ist obligatorisch und nicht verhandelbar. Für die Pfalz wäre allerdings auch ein Dubbeglas vorstellbar.

Während ich so vor mich hin spinne, kommt mir eine weitere (brillante) Idee für die Schwierigkeitslevel. Wie wäre es mit einem „Karrieremodus“? Der Spieler könnte dann wählen, ob er sich in das gemachte Nest eines bestehenden Qualitätsweinguts (alternativ: eines Kultwinzer) setzt oder als Jungspund*in einen klassischen Mischbetrieb übernimmt. Dann wäre die Challenge darauf ausgelegt, weg vom Fasswein hin zur Eigenvermarktung. Altbestände von Dornfelder, Bacchus und Domina inklusive.

Jetzt wird es gefährlich, denn umso länger ich mich in diese Idee reinsteigere, umso mehr will ich es am Ende wirklich spielen.

Zum Start erhältst du also ein Weingut, Startkapital und Rebflächen. Für ganz Wilde könnten wir auch einen Zufallsspielmodus einbauen, so dass du die voreingestellten Parameter nicht beeinflussen kannst. Ziel des Spiels soll es sein, möglichst großen wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen. Dazu steht dir der volle Kanon der Winzerwelt zur Verfügung. Angefangen bei landwirtschaftlichen Maschinen, dem Zukauf neuer Rebflächen (inkl. legendärer Lagen), der Rodung alter und Pflanzung neuer Weinberge, Mittelchen zur Weinbereitung, Etikettendesigns und Marketing. Dir steht es frei, ob du maschinell erntest oder von Hand. Du kannst deinen Weinberg konventionell, bio oder biodynamisch bewirtschaften. Im Fall von Biodynamik gibt es kleine Minigames, wie Kuhornpräparate rühren oder Mondkalenderätsel …vielleicht auch irgendwas mit kosmischen Energien oder Eurythmie. Das Wetter wird zufällig programmiert und ist abhängig vom Schwierigkeitsgrad, wahlweise kannst du aber die Vergangenheit nachspielen und dank detaillierter Wetterdaten (famose) Jahrgänge oder ganze Jahrzehnte miterleben. Wie du mit den Widrigkeiten umgehst, ist dir freigestellt. Dabei kannst auch hier auf alle Instrumente des modernen Weinbaus zurückgreifen. Nach Gutdünken kannst du deinen Wingert mit Chemikalien erschlagen oder du ziehst mit Kupferspritzmittel und Brennnesseltee ins Feld. Lesezeitpunkt etc. bilden die nächste Herausforderung.

Ein paar extra Gimmicks dürfen nicht fehlen. Wie wäre es mit einem querulatorischen Nachbaren, der wahlweise im Gemeinderat ein paar Wirtschaftswege sperren lässt oder auch mal mit seinem Glyphosattrecker deinen Bioweinberg mitversaut. Selbstverständlich bekommst du ab und zu mal Besuch von der Weinkontrolle, dem Landwirtschaftministerium oder dem Finanzamt. Und wehe die doppelte Buchführung stimmt dann nicht oder die Kostmuster für Influencer wurden nicht richtig verbucht. Apropos Landwirtschaftsministerium: Wie wäre es denn mit ein paar zufälligen Stolpersteinen. Mal angenommen, wir erfänden eine vollkommen inkompetente und ahnungslose Minister*in. Nennen wir sie zum Spaß einfach mal Glockner. Sie könnte dem Spiel durchaus ein wenig Leben einhauchen. Vielleicht in die Richtung eines neuen Weingesetzes, komplizierten Lagebezeichnungen und dem Großen Gewächs für Jedermann. Also irgendwas, das eigentlich keiner braucht. Auf kleinerer Ebene könnte die Politik natürlich auch ein paar Überraschungen bereithalten, etwa durch den Bau einer Moseltalbrücke mitten in den Steilhängen. Oder ein paar Enteignungen, sowas bringt ja Leben in die Bude…die Möglichkeiten sind unendlich. Endgegner hier wäre die aktuelle Pandemie mit ständig wechselnden Bestimmungen für eure Vinothek, Messen oder die angeschlossene Gastro.

Natürlich habt ihr auch Konkurrenten. Wenn es der Markt hergibt, bauen wir das Ganze zu einer Multiplayer-Online-Variante aus. Ihr könnt euch mit ihnen entweder verbünden oder sie bekämpfen. Vielleicht entfleuchen euch einfach ein paar Nagetiere in der Kelter des Gegenspielers, kurz bevor er Besuch von der Weinkontrolle bekommt. Oder ihr lasst ein paar Wildsauen durch seine Jungreben ziehen. Ihr könnt euch aber auch zusammentun. Gemeinsam Weinberge bewirtschaften, Weine designen oder einem Verband/Genossenschaft beitreten. Alles kann, nichts muss. Ich als VDP-Fan würde alles versuchen, die entsprechenden Lizenzen zu bekommen. Versprochen!

Euer spielbarer Charakter hat selbstverständlich auch seine Zicken. Mit steigender Spieldauer wird er älter. Sein Rücken macht irgendwann nicht mehr so mit und ihr müsst euch um Mitarbeiter und einen Nachfolger bemühen. Ohnehin, ist er montags irgendwie immer etwas lahmarschiger. Solltet ihr auf einem der zahlreichen Weinfeste eurem Wein zu sehr zusprechen und nachts in Schlangenlinien den Trecker in den Graben setzen, müsst ihr auch schon mal ein paar Wochen zu Fuß gehen.

Insgesamt darf der Sozialfaktor nicht zu kurz kommen. Winzerstammtisch und Wahl der Weinkönigin inklusive. Altherrenwitze zur Konfektionsgrößen und Holz vor der Hütte sind dabei frei wählbar. Weinversteigerungen könnten wir wieder als Minigame implementieren.

Im Keller bieten sich allerhand Möglichkeiten. Barriqueausbau, Tanninpulverchen, Bâtonnage, Pigeage etc. pp. Wem das irgendwann zu viel wird, kann sich einen teuren Kellermeister besorgen und auf Autopilot stellen. Dann habt ihr Zeit, um in die mondäne Hauptstadt zu reisen und euch auf hippen Messen zu tummeln. Eure Garderobe reicht vom schicken Maßanzug bis hin zur ranzigen Latzhose. Bestechliche Weinkritiker und nervige Weinblogger sind hier ebenfalls gesetzt.

Ein Ende des Spiels ist nicht vorgesehen. Wenn ihr irgendwann mit zittrigen Händen das Schoppeglas nicht mehr halten könnt, übergebt ihr den Betrieb einfach an die nächste Generation und fangt quasi von vorne an. Schließlich weiß es die nächste Generation eh immer ein bisschen besser. Ein Extensionpaket (DLC) ermöglicht euch einen Sprung in andere Länder. Vielleicht mal ein kleines Château im Bordeaux? Oder ein hippes Joint Venture in den Staaten? Wer Lust hat, könnte auch in die Toskana switchen und die Erfolgsstory der Bolgheri-Boys nachspielen; Mafiakontakte inklusive.

Ich bin jederzeit für neue Ideen und Impulse offen. Sollte jemand über gute Kontakte zur Entwicklerbranche verfügen, können wir auch direkt loslegen. Die Beta-Testversion geht direkt an alle Abonnenten raus. Bis dahin werde ich mich aber selbst erst mal am Wein gütig tun, ist ja schließlich anstrengend solchen Ideen nachzuhängen.

Weingut Knipser (Pfalz) – Marsannier *** – 2017

Augen zu und es geht ab auf eine Reise. Wir finden uns direkt an der warmen Südrhône wieder. Das Weingut Knipser zeigt bei diesem Wein mal wieder, dass sich Experimentierfreude lohnen kann. Marsanne und Viogner sind jetzt wirklich keine typisch deutschen Rebsorten. Bereits farblich hat der Wein jede Menge zu bieten. Fast golden schimmert er im Glas. In der Nase fruchtbetont, aber auch das Holz macht sich hier leicht bemerkbar. Fruchttechnisch wäre ich bei reifen Aprikosen und Pfirsichen. Am Gaumen zeigt der Wein dann seine ganze Kraft. Hier kommt schon jede Menge Fülle und Schmelz zum Vorschein. Durch eine pikante Säure kommt der Marsannier aber in die richtige Balance. Er wirkt keineswegs unangenehm fett, er bleibt saftig und trinkanimierend. Insgesamt eine beindruckende Struktur und einen wirklich langen Abgang. Wir haben den Wein aus schwarzen Gläsern verkostet und es entbrannte ein herrliches Ratespiel.


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