Nimm das zurück…!

Jeder kennt den leicht beschämenden Gang zum Altglascontainer. Neben einer leeren Olivenölflasche und einem fast vergessenen Glas Mayonnaise, finden einige Weinflaschen hier ihr letztes Ende. Ein kurzer nervöser Blick über die Schulter, ob die neugierigen Nachbarn wieder aus dem Fenster schauen, und ab dafür. Klirr. Weg sind sie.

Betrachtet man die negativen Umwelteinflüsse des Weinbaus, wird schnell klar, dass die Glasproduktion einen nicht unerheblichen Einfluss hat. Schätzungen zu Folge, entfallen zwischen 30% und 50% der gesamten Treibhausgas-Emissionen auf die Flasche bzw. Verpackung[1]. Trotzdem werfen wir unsere Weinflaschen immer noch in den Müll. Gibt es da keine Alternativen? Manche Winzer nehmen Flaschen zurück und lassen diese ausspülen. Leider sind das Ausnahmen und bei den meisten Winzern wird man damit eher auf Unverständnis stoßen. Dabei haben wir doch in Deutschland ein funktionierendes Pfandsystem. Egal, ob Dose, Flasche oder Joghurtglas, wir sammeln und geben ab. Eigentlich ganz einfach. Aber warum funktioniert das nicht bei der Weinflasche?

Der Zufall führte uns jüngst zu einem, der sich dem Thema angenommen hat. Bei unserer letzten Rheingau-Tour hatten wir die große Freude, beim Hallgartener Weingut Bibo Runge empfangen zu werden. Im Revoluzzer-Gartenhäuschen lernten wir nicht nur ungeahntes über den deutschen Vormärz.[2] Winzer Markus Bonsels stellte uns auch sein Konzept zum umweltschonenden Weinbau vor. Statt sich einem Bioverband anzuschließen, entschied sich der Quereinsteiger für eine Zertifizierung bei Fair’n Green. Nach diesem Konzept wird weniger dogmatisch um den Einsatz einzelner Mittel gerungen, stattdessen wird der individuelle CO2-Abdruck eines Weinguts analysiert. Jede Trekkerfahrt und jedes Mittelchen werden in Ansatz gebracht.

Ich finde diesen Ansatz wirklich spannend. Besonders, weil endlich auch der Einfluss von Produktionsmitteln, wie der verwendeten Glasflasche mitberücksichtigt wird. Markus Bonsels hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Weinflaschenpfand voranzutreiben und geht dafür sogar bis nach Berlin. Ein Thema, das viel stärker in der Weinwelt diskutiert werden sollte![3]

Soweit ich es recherchieren konnte, interessieren sich die meisten Bioverbände nur recht stiefmütterlich für dieses Thema. Dabei wäre es doch eigentlich ganz einfach: Weinflaschen in das Pfandsystem integrieren und fertig. Wie bei allen anderen Gebinden wäre egal, ob wir zum nächstgelegenen Supermarkt schlendern oder zum Weingut um die Ecke. Selbstverständlich mache ich es mir an dieser Stelle wieder besonders einfach und breche ein komplexes Thema bis zur Unkenntlichkeit herunter. Die Einführung von Mehrwegflaschen erfordert natürlich einiges an Aufwand. Flaschen müssten normiert, Reinigungsanlagen installiert und Kreisläufe etabliert werden. Beim letzten Blick auf meine Gehaltsabrechnung war ich allerdings noch kein Bundestagsabgeordneter und mithin erlaube ich es mir, einfach ein paar illusorische Forderungen an die Politik zu stellen, ohne sie selbst planen zu müssen. Im Übrigen führe ich hier ein fruchtloses Selbstgespräch, weshalb mir ein paar Träumereien gestattet seien.

Aus meiner Laiensicht heraus, dürfte eine Herausforderung darin bestehen, die Flaschen auf einen gewissen Standard zu bringen. Wobei es auch bei Bier unzählige Flaschenvarianten gibt und die Rücknahme trotzdem erstaunlich gut klappt.

Spätestens jetzt höre ich trotzdem die ersten Aufschreie: Bocksbeutelultras und Rheingauflötenfetischisten springen auf die Barrikaden, Sachsenkeulenfans sehen am Horizont nur noch uniforme Weinflaschen nach trister DIN-Norm. Gleichzeitig schüttelt es Besucher der Sansibar bei der Vorstellung, künftig ihre Haut-Brion aus einer ordinären Bordeaux-Flasche eingeschenkt zu bekommen.[4] Da fällt einem Glatt der Kaviar ins Hummerschäumchen. Aber es wird noch übler: Müssen Sylt-Urlauber zukünftig ihren Röderer Cristall aus einer konventionellen Flasche genießen? Der bürgerliche Wahnsinn nähme endgültig überhand, wenn Champagner nicht mehr sabriert werden könnte, ohne die 15 Cent Flaschenpfand zu riskieren. So mancher Connaisseur müsste sich der Weinuntergrundbewegung anschließen und künftig seinen Schaumwein in den dunkelsten Ecken der Wine-Bank mit einem Säbel enthaupten, um nicht als Umweltsünder gebrandmarkt zu werden.

Ein Blick in meinen (recht ordinären) Weinkeller offenbart allerdings, die meisten Flaschen sind schon recht uniform. Zumindest in meinen Beständen finden sich neben Schlegelflaschen höchstens noch Bordeaux- und Burgunderfläschchen. Wirkliche Ausreißer gibt es eigentlich kaum. Und selbst die VDP-Winzer von der Mosel haben einst die Kröte geschluckt und füllen ihre Großen Gewächse in braune statt moseltypisch in grüne Flaschen ab. Es geht also doch! Zugegeben, es könnte wirklich herausfordernd werden, Weinimporte dem deutschen Pfandrecht zu unterwerfen. Und vielleicht würde auch der ein oder andere Bocksbeutel vom Markt verschwinden. Sollten wir es aber durch das Weinflaschenpfand schaffen, Unmengen an CO2 zu sparen, wäre es mir als Endkunde ein fairer Preis. Zumal ich dann meinen Walk-of-Shame nicht mehr unter den Augen meiner Nachbarn antreten müsste, sondern mich wie jeder andere am Pfandautomaten schämen dürfte.

Zu meiner Polemik reiche ich diesmal natürlich auch den passenden Wein:

Weingut Bibo Runge (Rheingau) – Revoluzzer Riesling – Hallgartener Jungfer (2017)

Klassifiziert als Rheingauer Großes Gewächs (RGG) macht der Wein seinem Namen alle Ehre. Circa 48 Stunden durfte der Riesling auf der Maische stehen und bekommt dadurch eine beeindruckende Dichte. Bereits in der Nase verweben sich Aromen von Apfel und etwas Birne. Für einen kurzen Augenblick fühle ich mich nicht an Riesling erinnert, eher an Burgunder Rebsorten. Druckvoll und charismatisch geht es am Gaumen weiter. Die wunderbar frische Säure balanciert spielerisch zwischen der Frucht und Mineralik. Im einmaligen Ambiente des Revoluzzer Gartenhauses bleibt der Riesling für eine gefühlte Ewigkeit auf der Zunge.


[1] Beispielsweise: https://www.vinoalma.de/blog/2021/03/14/co2-fussabdruck-wein/ und https://www.lwg.bayern.de/weinbau/087354/index.php (jeweils zuletzt abgerufen am 19.08.2022).

[2] Die Geschichte des Revoluzzer Gartenhauses in Hallgarten ist so faszinierend, die lässt sich nicht mal eben einflechten.

[3] https://bibo-runge-wein.de/wp-content/uploads/2022/03/20211210-FAZ-Klimaneutraler-Weinbau.pdf (zuletzt abgerufen am 19.08.2022).

[4] In einer früheren Fassung des Textes hieß es noch: „… aus einer ordinären Bordeaux-Flasche einschenken zu müssen.“ Dafür möchte ich mich ausdrücklich entschuldigen, impliziert es doch, dass sich die Gäste der Sansibar selbst einschenken. Dieser Fauxpas sei mir verziehen.

2 Kommentare zu „Nimm das zurück…!

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