Meine Beichte…vom Pöbel und dem Weinolymp

Lange habe ich mit mir gerungen, wollte ich es mir selbst nicht eingestehen. Aber ich kann es nicht länger vor mir oder der Welt geheim halten. Daher meine Beichte: Ich bin ein Fruchttrinker! Anlass für diese Beichte war eine kleine Weinrunde vor ein paar Wochen. Neben allerhand Jungweinen hatten wir auch einen gereiften Pinot Noir aus dem Burgund im Glas. Unser einhelliges Urteil fiel deutlich aus: Das Ding ist mausetot!

Puh! Endlich ist mein Geheimnis gelüftet. Unter Weinnerds gelte ich jetzt wahrscheinlich als Banause oder Kretin. Sämtliche hart erarbeiteten Credits mit nur einem Satz fortgefegt. Gilt es doch als die ganz hohe Kunst des Weintrinkens, nur gereifte Tropfen in sein Glas zu lassen. Gleich einer Alterskontrolle an der Dorfdisko kommt „wirklichen“ Kennern nichts ins Glas, was nicht alt genug ist, um selbst Wein zu bestellen. Unzählige Blogbeiträge und Instagram-Posts zum Thema „Weinlagerung“ sprechen eine deutliche Sprache. Hier werden die Weisheiten der Weinlagerung hoch und runtergebetet. Ganz gleich, ob immer wieder die gleichen Fehler reproduziert werden. Ich bin hier keineswegs frei von Schuld und dennoch will ich mal den ersten Stein werfen. Eines steht dabei aber außer Frage: Guter Wein muss gelagert werden! Wer es nicht tut, ist schlicht ein Kindermörder!

Trotz des 98ten Tutorials zum Lagern von Wein, fragt sich kaum einer, warum wir das eigentlich machen. Weshalb legen wir uns sau teure Flaschen Wein in den Keller, um diese für die nächsten 10-20 Jahre noch nicht einmal anfassen zu dürfen? Glaubt man so manchem „Blogger“ ist Wein eine zickige Mimose. Bei jeder kleinen Erschütterung zieht er sich in sein Schneckenhaus zurück und kommt frühestens in zehn Jahren wieder hervor – er verschließt sich. Unberücksichtigt bleibt dabei, dass der Wein dereinst in einem schlecht gefederten LKW über die Hubbelpisten der Weinwallachei zu uns gekarrt wurde. Nach deren Logik müsste der Wein also längst klinisch tot sein. Wann wird er sich aber wieder öffnen? Hier muss man schon die Glaskugel rausholen und guten Empfang haben. So richtig kann einem das niemand sagen. Im Stile eines (ahnungslosen) Juristen heißt es dann einfach nur: Kommt darauf an.

Und auf was kommt es jetzt genau an? Süße, Alkohol und Gerbstoffe sind eigentlich ganz gute Konservierungsmittel. Weinen die mit einer der drei Komponenten besonders überzeugen können, dürfte ein langes „Leben“ beschieden sein. Verallgemeinerungen verbieten sich aber wie gewöhnlich, einen fruchtsüßen Dornfelder würde ich mir trotzdem nicht in den Keller legen. Grundsätzlich unterscheiden wir beim Wein drei Aromaklassen. Wie es sich für gebildete Vinohipster schickt, werde diese natürlich in Latein bezeichnet:


Primäraromen: Salopp gesagt, der Pöbel unter den Aromen. Die sogenannten Primäraromen stammen unmittelbar aus der Traube und sind vielen (möchtegern) Weinkennern damit zu einfach, zu simpel, schlicht zu primär. Jede Rebsorte entwickelt einen sortentypischen Geschmack, der auch gerne mal nach Klon und Region unterschiedlich sein kann.

Sekundäraromen: Nun wird es schon etwas herrschaftlicher. Sekundäraromen entwickeln sich bei der Vinifizierung. Also bei der Gärung und dem Ausbau des Weins. Hier kann der Kellermeister sich am großen Besteck bedienen. Stahltank oder Holz? Wählt er französische, amerikanische oder slawonische Eiche? Großes Holz oder kleines Holz? Mit oder ohne Maischestandzeit? Oder vielleicht doch etwas Bâtonnage[1] oder Pigeage[2] gefällig? Ihr seht, hier fühlen sich die Weinkenner so langsam richtig wohl –  Weinfachchinesisch inklusive.

Tertiäraromen: Wir sind angekommen im Weinolymp! Dem Mekka aller Finewine-Liebhaber. Die Tertiäraromen sind oft deren liebstes Kind, entstehen sie doch durch Reife und Lagerung. Eigentlich ist es nur eine langsame Oxidation und andere Mikroprozesse. Für Weinliebhaber ist es aber kein schnöder chemischer Prozess, sondern die Verkörperung des Genusses. Ein wenig mag sich hier auch der Umstand widerspiegeln, dass Zeit Luxus ist. Wer es sich in unserer schnelllebigen Zeit leisten kann, Weine jahrzehntelang wegzusperren, muss ein echter Connaisseur sein.


Tatsächlich bin ich auch kein Freund davon Weine sofort nach dem Füllen zu trinken. Oft sind diese dann noch etwas sperrig. Ein wenig Zeit bringt häufig mehr Balance in den Wein. Gerade bei Weinen mit viel Tannin, verschwindet das unangenehme pelzige Gefühl auf der Zunge und alles wird etwas runder und geschliffener. Aber muss ich deshalb jeden Wein bis zum Erbrechen lagern? Meines Erachtens nicht!

Viele Weinliebhaber schleichen jahre- oder gar jahrzehntelang um eine Flasche herum, nur um dann festzustellen der Wein hat seine beste Zeit hinter sich. In meinem Kopf stimme ich dann „Somewhere over the Rainbow“ zum letzten Geleit an. Das richtige Zeitfenster eines Weines zu finden ist (französisch) Roulett. Natürlich finde ich es auch aufregend einen Wein aus meinem Geburtsjahrgang zu verkosten. Es ist teilweise wirklich bemerkenswert, wie „lebendig“ solche Tropfen noch sind. Aber ist das mein Anspruch an guten Wein – mich davon überraschen zu lassen, dass der Wein noch lebt? Will ich denn wirklich zum Altenpfleger oder Sterbebegleiter einst schmackhafter Weine werden? Der Lebensabend ist im Allgemeinen ja etwas Schönes, aber die wirklich aufregenden Dinge passieren eben eher in den Jahren davor. Ich finde wenig Erhebendes dabei, einem Wein beim Sterben beizuwohnen. Oft genug hauchen sie ihren letzten Atemzug nämlich gar zu schnell dahin und nach zehn Minuten haben wir eine leblose Brühe im Glas. Da hilft dann auch kein Defibrillator mehr, einzig ein Requiem bleibt uns auf den Lippen. Ich beichte an dieser Stelle auch, dass mich Aromen von Waldboden, Pilzen und verdorrtem Tabak nur selten wirklich vom Hocker hauen. Anklänge davon sehr gerne, aber was Wein angeht sind mir frische Sauerkirschen dann doch lieber als abgehangene Steinpilze. Überlagerter Wein wird zwar nicht schlecht oder gesundheitsschädlich, aber (für mich) eben auch selten wirklich aufregend. Fast schon ironisch wird es, wenn in einer Altweinrunde darüber sinniert wird, dass der Wein ja einst sehr viel Frucht gehabt haben muss – Hättet ihr ihn eben damals getrunken!

Ich wollte es mir lange auch nicht eingestehen und redete mir ein, dass gereifte Weine auch für mich das non plus ultra seien. Dann trat aber Ernüchterung ein und ich musste einsehen, dass ich einfach kein Altweintrinker bin. Ein Pinot Noir darf gerne fünf Jahre und ein Bordeaux auch mal fünfzehn auf dem Buckel haben, aber mehr muss es für mich in aller Regel nicht sein. Eine Ausnahme sind vielleicht fruchtsüße Rieslinge, wobei mir auch schon junge Kabis oder Auslesen ordentlich gemundet haben.

Daher meine Beichte: Ich bin ein Pöbel und trinke gerne Primärfruchtaromen! Und möge man mich noch so oft des Kindermordes anklagen, ich mag einfach Frucht und ich mag das Leben.

Nachdem mein Outing nun hinter mir liegt, schleiche ich noch eine Runde durch meinen wohltemperierten Weinkeller und streiche dort sanft über die eingelagerten Weinkisten – wie immer bin ich konsequent inkonsequent. Zum Glück der erwähnten Weinrunde fand sich dort aber auch etwas jüngerer Stoff:


Weingut Schmitt‘s Kinder – Randersacker Sonnenstuhl – Spätburgunder „Tradition“ (2018)

Nachdem uns der Albert Ponnelle- Nuits St. Georges (Les Thorey) Premier Cru (1994) eher an eine wenig erheiternde Testamentseröffnung erinnerte, musste was Frisches und Lebendiges in Glas. Ich entschied mich kurzer Hand für das Erste Gewächs aus Franken. Und siehe da! Vinophile Begeisterungsstürme brandeten über meinen Balkon. Bereits in der Nase wunderbar tiefe Aromen von Waldfrüchten und dunkler Kirsche. Darunter legt sich etwas leicht Erdiges. Trotzdem ist dieser Wein nicht noch am Leben, er lebt. Ay, war das lecker! Am Gaumen kommt er durchaus mit etwas Grip daher, nicht ungestüm aber eben vital. Dabei zeigt er eine wunderbare Tiefe und Struktur. Vive la vie! Reife dunkler Früchte, ein wenig Rauch und eine tolle Mineralität. Die Säure bringt Frische und etwas Biss mit. Der Wein hat sicher jede Menge Reifepotenzial! Leider habe ich mir sagen lassen, dass der große Bruder nur unter Zuteilung erhältlich ist, aber auch der „Kleine“ bereitet uns jede Menge Freude.


[1] Le Bâton (franz. „der Stock) Während des Ausbaus bleibt etwas Hefe im Fass zurück. Durch regelmäßiges Aufrühren der Hefe bekommt der Wein etwas mehr Fülle und Cremigkeit.

[2] Pigeage (Franz. „Zerstampfen“): Bei der Rotweinbereitung bildet sich während der Gärung ein sog. Tresterhut. Die Traubenschalen schwimmen also oben auf dem Wein. Bei der Pigeage wird dieser Hut heruntergedrückt, weshalb mehr Farb-, Aroma- und Gerbstoffe gelöst werden können.

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