Von historischen Freiherren und Großlagen

Eigentlich wollte ich niemals einen Text zum deutschen Weinrecht schreiben. Kam der Wunsch doch mal in mir auf, habe ich die Entwürfe schnell wieder in die Schublade gepackt. In meiner inkonsequenten Lebensweise bin ich jetzt aber doch an dem Punkt angekommen, da will ich nicht mehr anders und muss mich dazu äußern. Dieser Punkt ist dann erreicht, wenn eine gesetzeskonforme „Verbrauchertäuschung“ stattfindet. Ich bin wahrlich kein Weinrechtsexperte, weshalb ich hier nur an der Oberfläche kratze, und kein Gutachten abliefere[1]. Vielleicht rege ich mich aber auch vollkommen umsonst auf; entscheidet selbst:

Ich werde des Themas einfach nicht müde: Discounterwein und weshalb wir ihn nicht kaufen sollten. Diese Woche in der Mittagspause verirrte ich mich dann aber doch zu dem Diskont aus Essen. Auf dem Weg zur Kasse fiel mein Blick auf eine grüne Schlegelflasche. Mein innerer Weininstinkt vermutet dahinter unweigerlich einen Riesling von der Mosel. Und meinem Instinkt folgend, schaute ich das Etikett ein wenig genauer an:

R. Freiherr von Schorlemer – Wiltinger Scharzberg – Riesling (2021)

Natürlich springt als erstes die Assoziationskette an und ich schweife ab zu der wohl teuersten Rieslinglage in Deutschland, dem (Wiltinger) Scharzhofberg. Berühmte Winzer wie Egon Müller, von Hövel oder die Bischöflichen Weingüter produzieren in dieser Lage mit die besten (fruchtsüßen) Rieslinge aller Zeiten. Kann es wirklich sein, dass ein Discounter auf einmal einen derartigen Lagenwein im Sortiment hat? Auf den zweiten Blick fiel mir allerdings etwas auf. Hier fehlt das kleine, aber feine Wort „hof“. Da ich (leider) nicht alle deutschen Weinlagen auswendig kenne, musste ich sicherheitshalber kurz Google anschmeißen. Und siehe da: Der „Scharzhofberg“ ist als Große Lage erfasst und gehört zur Großlage „Scharzberg“. Kritiker werden vielleicht anführen, dass ich doch jetzt wirklich kleinlich werde. Aber keineswegs. Während der „Scharzhofberg“ eine gerade einmal 28,1 Hektar große Steillage bezeichnet, umfasst die Großlage „Scharzberg“ eigentlich den gesamten Bereich „Saar“.  In Zahlen bedeutet das ein Fläche von 1.568 Hektar und 49 Einzellagen. Kurzum: Jeder aus dem gesamten Bereich der Saar zusammengepantschte Wein darf sich so nennen. Und trotzdem passiert es selbst mir als Weinliebhaber, dass ich kurz ins Stocken gerate. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Aus meiner Sicht erreichen die Händler hier aber genau ihr Ziel: sie wollen dem Kunden vorgaukeln, einen qualitativ hochwertigen Wein aus einer bekannten Region zu einem sehr günstigen Preis zu bekommen.

Ich finde das nicht die feine englische Art. Dummerweise sind derartige Eskapaden nach deutschem Weinrecht noch zulässig. Selbst nach der aktuellen Weinrechtsreform werden wahrscheinlich ähnliche Schlupflöcher bleiben. Soweit ich die Novellierung durchdrungen habe, gilt eigentlich seit Mai 2021 folgendes:


Will ein Winzer eine „Großlage“ oder „Bereich“ auf das Etikett schreiben, muss er nach neuer Rechtslage den Begriff „Region“ voranstellen. Dadurch soll die Verwechslung von Einzel- und Großlage vermieden werden. Ein gängiges Beispiel hierfür ist der Piesporter Michelsberg. Daraus würde zukünftig die Region Michelsberg. Ähnlich verhält es sich mit der Großlage des Kröver Nacktarsch, daraus wird zukünftig die Region Nacktarsch. Tatsächlich erleichtert das die Unterscheidung: Nicht jedem Endkunden war klar, dass der Piesporter Michelsberg als Großlage nicht der Einzellage Piesporter Goldtröpfchen gleichstand. Inzwischen wurde glücklicherweise ein absurdes Schlupfloch geschlossen: Zwischenzeitlich sah der Entwurf zur Weinverordnung vor, dass der Zusatz „Region“ mindestens in einer Schriftgröße von 1,2 mm dargestellt werden muss[2]. Wir hätten also alle eine Lupe zum Weinkauf mitnehmen müssen. Der VDP lief aber dagegen Sturm und forderte eine entsprechend größere Darstellung – schon hier sehen wir, auf welcher Ebene diskutiert werden muss. Zum Glück konnte sich hier die Vernunft durchsetzen. § 39 Abs. 1 Nr. 1 WeinVO sieht vor, dass die Bezeichnung Region in der gleichen Schriftgröße wie die übrige Bezeichnung dargestellt werden muss.

Gemeinde- und Ortsnamen dürfen nur als Herkunftsbezeichnung verwendet werden, wenn das Mindestmostgewicht für das Prädikat „Kabinett“ erreicht wird. Die Vermarktung darf erst ab dem 15. Dezember des Erntejahres erfolgen.

Weine aus Einzellagen müssen ebenfalls das Mindestmostgewicht eines „Kabinetts“ erreichen. Zudem darf eine Vermarktung erst ab dem 01. März des Folgejahres erfolgen. Hier kann außerdem die Rebsortenvielfalt eingeschränkt werden.


Übergangsfristen gibt es noch bis zum Weinjahrgang 2025. Dann müsste der Diskont eigentlich Region Scharzberg draufschreiben. Aktuelle dürfte die bisherige Bezeichnung noch zulässig sein, wobei ich mich ernsthaft frage, ob der Zusatz „Wiltinger“ hier erlaubt ist. Aus meiner Sicht müsste der Zusatz „Wiltinger“ Weinen vorbehalten sein, die aus der Ortsgemarkung stammen. Aber selbst 10 Jahre juristische Ausbildung und eine Dissertation scheinen nicht auszureichen, um diesen Dschungel zu durchdringen.

Leider hört hier das „Hütchenspiel“ aber nicht auf. Der vermeintlichen Nobellage wird zusätzlich ein wohlklingender Weingutsname vorangestellt: „R. Freiherr von Schorlemer“. Weil mir der Name nicht geläufig war, konsultierte ich erneut Herrn Google. Und siehe da: Ein Weingut dieses Namens ist nicht (mehr) zu finden. Soweit ich es rekonstruieren konnte, wurden die letzten Weine dort in den 1970er Jahren                  abgefüllt. Danach kann ich keine Hinweise auf eine entsprechende Erzeugerabfüllung mehr finden. Laut meiner Recherche existiert lediglich ein gleichnamiges Weinhandelshaus mit Sitz in Cochem. Eine tiefergehende Untersuchung des Rückenetiketts (Anm.: Eigentlich ist nur das als Etikett zu bezeichnen) zeigte schnell, dass der Wein von eben jenem Weinhandelshaus abgefüllt wurde. Während wir hier von Saarwein sprechen, liegt Cochem am anderen Ende der Mosel. Zwischen dem wirklichen Scharzhofberg und Cochem liegen knappe 90km Fahrtstrecke.

Zusammengefasst lässt sich also festhalten, dass der besagte Wein weder von einem altehrwürdigen Winzer stammt noch aus einer besonderen Lage. Entgegen jeder Kundenerwartung handelt es sich um einen x-beliebigen Massenwein irgendwo aus dem Bereich der Saar. Zumindest 85% der Trauben stammen da her, aber der bezeichnungsunschädliche Verschnitt ist nochmal ein eigenes Thema.

Rechtlich ist das Verhalten der Discounter in diesem Fall nicht zu beanstanden. Als Weinliebhaber stößt es mir aber dennoch sauer auf. Meines Erachtens sollen Verbraucher hier bewusst hinters Licht geführt werden. Und das alles mit der Rückendeckung des Gesetzgebers.

Wer jetzt denkt, deutsche Nobelwinzer würden sich an solchen Praktiken nicht beteiligen, irrt. Selbst renommierte Weingüter arbeiten regelmäßig mit Discountern zusammen. Dann tragen die Weine zwar nicht den Originalschriftzug des Winzers, aber die Reminiszenzen sind unübersehbar. Grundsätzlich ist sowas ja nicht schlimm. Die Trauben haben zwar den Hauskeller nie gesehen und stammen aus (unbekannten) Zukaufsquellen, aber immerhin firmiert der Wein unter abweichendem Namen. Problematisch wurde es meines Erachtens aber letzten Sommer, als ein solcher Wein offensiv mit einer Bewertung des Stammweinguts beworben wurde. Wenn es dann etwa auf der Flasche heißt „Das Weingut Müller-Rumpendump wurde mit drei Trauben im Weinführer Hotzenplotz bewertet“ und der Wein stammt aber gar nicht aus diesem Weingut, ist der Bogen überspannt. Derartige Auszeichnungen werden an die Weingüter als Eigenhersteller und nicht etwaige „Abfüller“ vergeben. Wird dennoch anderes proklamiert, ist das schlicht irreführend. Ich habe leider keine Erkenntnisse darüber, ob solches Verhalten wirklich abgemahnt wird. Im Ergebnis wird es sich aber trotzdem lohnen und die Kunden schauen in die Röhre.

Daher kann ich nur jedem empfehlen, sich lieber direkt beim Winzer einzudecken. Es müssen nicht immer die großen Namen sein, oft findet sich für wenig Geld ein guter Wein.

Aber ich kann ja nicht nur meckern, sondern muss letztendlich auch probieren. Und so habe ich jeden Vorsatz über Bord geworfen und den Wein probiert:

R. Freiherr von Schorlemer – Wiltinger Scharzberg – Riesling (2021)

Für 3,99 Euro bekommt ihr einen unfallfrei trinkbaren Wein. Mehr aber auch nicht. In der Nase klingt ganz leicht eine saartypische Mineralität an. Obwohl der Wein als feinherb klassifiziert ist, bleibt kaum Süße im Mundraum übrig. Hier dominiert die Säure ohne tauglichen Gegenspieler. Dem Wein fehlt hier die Balance und mir zieht es den Kiefer etwas zusammen. Fruchtaromen sind vorhanden, aber irgendwie nicht auszudifferenzieren. Vielleicht geht es etwas in die Richtung von gelbem Steinobst. Schließlich verabschiedet sich der Wein recht schnell. Am zweiten Tag zeigte sich der Wein in der Nase etwas kräftiger. Am Gaumen hat aber endgültig die Säure übernommen und dominiert das gesamte Geschmacksbild. Etwaige Fruchtaromen kann ich immer noch nicht auseinanderhalten.

Auch nach einer zweitägigen Verkostung bleibt der Wein nichtssagend. Kein überraschendes Ergebnis.


[1] Bei den folgenden Ausführungen handelt es sich lediglich um meine persönliche Ansicht und nicht um ein juristisches Gutachten. Außerdem wird keinem der Beteiligten ein strafrechtliches oder verbraucherschutzrechtswidriges Verhalten unterstellt. Es soll lediglich der Versuch gemacht werden, sich über bestehende Missstände aufzuregen.

[2] https://www.meininger.de/wein/produkte/neuer-entwurf-zur-weinverordnung-liegt-vor (zuletzt abgerufen am 16.04.2022)

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