Vom Rabbit Hole zum Kellerbuch 2.0: Claude und Kontrollverlust

Alle reden von KI. Immer und ständig. Eigentlich kann man sich diesem Thema derzeit gar nicht entziehen, und trotzdem habe ich Künstliche Intelligenz bislang überwiegend als testosteronüberladene Suchmaschine genutzt. Damit ist jetzt Schluss! In den letzten Tagen habe ich mich intensiv damit beschäftigt, was KI und Wein zusammenbringen kann, und ich bin in ein kilometertiefes Rabbit Hole hinabgestiegen.

Aber der Reihe nach: In den letzten Wochen kamen ein paar Sachen zusammen, die meinen Weg in diesen Hasenbau erklärbar machen. Zum einen konnte ich endlich meinen Keller nach Hause holen. Nicht ganz nach Hause-Hause, aber zumindest in meine unmittelbare Nähe. Der inzwischen fast vier Jahre andauernde Trennungsschmerz hatte endlich ein Ende. Zum anderen schrieb mir neulich ein guter Freund, dass er sich für seine „Weinsammlung“ eine KI-Anwendung gebaut habe, und ob ich mir das nicht mal anschauen wolle. Konnte das alles Zufall sein?

Die Anwendung war gar nicht schlecht, und es ließen sich Weine erfassen und kategorisieren. Die KI berechnete Trinkfenster und schlug sogar vor, welcher Wein in der Sammlung noch fehlt. Insgesamt fehlten mir in der Anwendung ein paar Features, also machte ich mich selbst daran, die Synapsen der KI zum Glühen zu bringen. Genau hier befand sich dann der Eingang in das Rabbit Hole. Was jetzt zusammentraf, ist eine (un)glückselige Mischung aus meiner Freude über den zurückeroberten Weinkeller, einem wirklich langanhaltenden ADHS-Hyperfokus und einer leistungsfähigen KI. Die ersten Ergebnisse waren schnell geliefert. Mit ein paar einfachen Prompts hatte mir Claude eine Anwendung gebastelt, in die ich meine Weine eintragen und sortieren konnte. Designtechnisch sah es ebenfalls ganz okay aus, ich mochte den cleanen Look. Allerdings musste ich schnell feststellen, dass mir Funktionen fehlten. Bislang hatte ich mein Kellerbuch in einer stumpfen Excel-Liste geführt, wenn ich aber schon ins KI-Zeitalter vorrücke, dann gleich richtig. Mein erster Versuch war mir noch zu statisch. Die Eingabemaske für die Neuerfassung deckte zwar die wichtigsten Punkte ab, es fehlten aber ausdifferenzierte Merkmale wie Qualitätsstufen nach dem Weinrecht, VDP, Burgund, Bordeaux oder nach italienischem Muster. Natürlich hätte ich das genauso wie die Weingüter oder Rebsorten händisch erfassen können – dann hätte ich aber auch bei meiner Excel-Tabelle bleiben können. Ich forderte die KI also immer wieder dazu auf, weitere Listen und Datenbanken zu hinterlegen. Hier war allerdings schnell Schluss. Eine rein in HTML programmierte Seite kommt mit großen Datenmengen nicht klar, und wir rannten von Bug zu Bug. In einem ernsten Gespräch schenkte mir Claude dann reinen Wein ein und teilte mir mit, dass das Konzept so nicht aufgehen kann. Durch die hinterlegten Listen wurde die HTML-Version zu sperrig, und er empfahl mir den Umstieg auf eine gehostete Variante mit Datenbank-Backend. Ich habe beruflich zwar viel mit IT zu tun, aber ein Backend hatte ich noch nie programmiert; allgemein hatte ich seit 2006 nichts mehr programmiert. Na ja, was soll’s, dachte ich mir, und wir begannen, ein Backend zu bauen. Mit Copy-Paste war das gar nicht so schwer, und schon konnten die Tabellen richtig angelegt werden. Nach einigen Problemen beim Import meiner Weinliste war dann ein ganz schönes Projekt entstanden.

Zufrieden lehnte ich mich am zweiten Tag zurück und war mir sicher, dass ich jetzt fertig sei. Der biblische Gott schuf die Welt aber auch nicht an zwei Tagen, und so musste ich schnell einsehen, dass ich auch gerade mal das Himmelsgewölbe erschaffen und Wasser und Erde getrennt hatte. Beim Testen meiner Anwendung fielen mir noch zahlreiche Punkte auf, die es dringend zu ändern gab. Mit jedem Klick, mit jedem neu angelegten Wein merkte ich: Hier fehlt noch was. Entwickler nennen das UX – User Experience – und hier war noch einiges zu verbessern.

Es folgten zahlreiche Sessions und Verbesserungen. Ich verbannte die Analyse meines Kellerwerts in eine eigene Sektion, baute mir ein nachvollziehbares Archiv mit mehrfachen Bewertungs- und Notizmöglichkeiten. Danach folgte die feinziselierte Ausarbeitung der Weinparameter und der Lagerstätten. Dabei stolperte ich über die Subskription, also den Erwerb von Weinen, die noch gar nicht abgefüllt sind. Faktisch sind die Weine schon gekauft und damit Teil meines Bestands. Da ich sie allerdings noch nicht physisch besitze, kann es hier schnell unübersichtlich werden. Also brauchte es ein Feld in der Weinerfassung, über das solche Weine markiert werden können. Wenn Weine als solche markiert werden, müssen sie aber auch an einen besonderen Lagerort eingetragen werden. Insgesamt eine nicht ganz einfache Logik. Im nächsten Schritt fiel mir dann auf, dass die Weine ja irgendwann ins reguläre Lager umziehen müssen. Meistens werden Subskriptionsweine im Herbst des übernächsten Jahres verschickt. Für die Subskription des Jahrgangs 2025 bedeutet das also Herbst 2028. Eigentlich ein berechenbarer Prozess. Also durfte mir Claude die folgende Funktion bauen: Wird ein Wein als Subskription markiert, muss zusätzlich zum Jahrgang das Lieferjahr eingetragen werden. Der Wein wird dann automatisch in einer speziellen Tabelle und in einem speziellen Lager angezeigt. Ab dem 1. September des Lieferjahrs soll dann ein Fenster aufpoppen und mich fragen, ob ich den Wein schon erhalten habe. Falls ja, wird der Lagerbestand automatisch in die regulären Listen und Lager übernommen. Als kleines Gimmick haben wir noch dafür gesorgt, dass als Lagerstätte auch direkt eine Holzkiste angelegt werden kann, die sich dann automatisch im Lagerraum Subskription einordnet.

Allgemein wurde das Lager zu einem etwas größeren Thema. Wie sollte es abgebildet werden? Als einfache Liste oder als grafische Darstellung? Nachdem ich mit Freunden über das Thema gesprochen hatte, war klar: Es soll eine grafische Darstellung sein. Jedes Feld kann frei definiert werden, und so findet jeder seinen Wein sofort. Allerdings liegt der Teufel im Detail. Flaschen, die bereits einer Kiste zugewiesen sind, dürfen nicht noch einmal zugewiesen werden, und es dürfen auch nicht mehr Flaschen eingetragen werden, als tatsächlich vorhanden sind. Insgesamt ist hier richtig viel Zeit draufgegangen, bis irgendwann alle Spielereien und Icons passten.

War ich endlich fertig? Natürlich nicht. Danach musste das Ganze ja noch hübsch gemacht und mit Designelementen versehen werden. Außerdem fehlte noch das Kabinett, also der Ort, an dem trinkreife Weine angezeigt werden. Kurzum, es kamen noch mein Blog und ein Arbeitsbereich dazu. Im Arbeitsbereich werden mir alle Weine angezeigt, deren Angaben nicht vollständig erfasst sind. Manchmal sind es genau die Kleinigkeiten, die einem erst am Ende auffallen. Manche Schaumweine haben keinen Jahrgang. Die Datenerfassung wäre also eigentlich nicht unvollständig – trotzdem blieb der Wein im Arbeitsbereich hängen. Ein Non-Vintage-Feld hat das Problem gelöst.

Mal ganz abgesehen von der Programmierarbeit: Wo kann mich KI noch unterstützen? Die KI-Anwendung meines Freundes enthielt noch eine KI-unterstützte Analyse des Trinkfensters und Food-Pairing-Vorschläge. Wir hatten das auch kurzfristig implementiert, mussten aber feststellen, dass hier doch noch sehr viele Fehler bestehen bleiben. Außerdem fängt ja hier der Spaß eigentlich schon an. KI soll mich unterstützen und nicht den spannenden Teil übernehmen. Letztlich setzen wir KI jetzt nur noch zum Scannen der Etiketten ein, natürlich mit echter Claude-API. Aber mal ehrlich: Sind wir jetzt fertig? Natürlich nicht. Die aktuelle Version läuft stabil und wird auch schon von einigen Freunden genutzt. Mein nächster Plan: Ich will eine Schnittstelle bauen, mit der Temperatur- und Feuchtigkeitsdaten aus dem Keller direkt in die App wandern und dort angezeigt werden – im Idealfall über ein Zigbee-Thermometer und eine Smart-Home-Anbindung. Könnte etwas mehr Hick-Hack werden, aber ich brauche ja auch Projekte für meine Elternzeit.

Einen Wein gibt es dazu natürlich auch noch. Zu diesem Anlass und Wetter muss es natürlich ein Champagner sein:

Cottet-Dubreuil – Claire de Siècle – Brut – 2009

Nach einem gefühlt endlosen Hefelager von 11 Jahren strahlt dieser Champagner eine unfassbare Schönheit aus. Hier haben wir eine klassische Cuvée aus Pinot Noir und Chardonnay im Glas. Bereits in der Nase begrüßen uns brioche-artige Töne, die mit einer reifen, aber feinen Fruchtnote untermalt sind. Zunächst ein wenig Zitrus, dann jede Menge reifer Apfel und Quitte – aber ohne ins Gärige zu gehen. Im Mund kommen dann eine wirklich feine Perlage und kandierte Anklänge dazu. Weich und buttrig trifft es hier sehr gut, ohne aber fett und opulent zu sein. Geiles Zeug!

PS: Die Texte bleiben natürlich handgeschrieben und KI übernimmt nur das Korrekturlesen.

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